Ist die Landschaft noch zu retten? – Seite 1

Von Henry Makowski

Verdreckte Flüsse, verschmutzte Luft, zersiedelte Landschaft bekommen endlich politisches Gewicht – so scheint es wenigstens, wenn man die Aktivitäten überblickt, die den Problemen unserer gefährdeten Umwelt in diesem Jahr gelten:

– Der Europarat hat das Jahr 1970 zum Europäischen Naturschutzjahr erklärt; er wird im Februar eine Charta des Naturschutzes in Straßburg verkünden.

– Die Grüne Woche in Berlin soll diesmal in einer Schau die Belastungen unserer Landschaft darstellen.

– Die deutschen Naturschutzverbände sollen mit einer Welle von Veranstaltungen die Öffentlichkeit überschwemmen, angefangen von Sondersitzungen der Länderparlamente bis hin zur Einweihung von Naturlehrpfaden an Stadtrandsiedlungen.

– Und nach dem bewährten Vorbild der Präsidenten Kennedy und Nixon hat auch Bundeskanzler Brandt in seiner Regierungserklärung verkündet, er und seine Regierung würden sich des Naturschutzes besonders annehmen. Der erste Schritt: Er bestellte den fernsehbekannten Zoologieprofessor Dr. Grzimek zum Beauftragten der Regierung für Tier- und Naturschutz.

Kann man also nun endlich hoffen, daß die häßlichen Schilder "Betreten verboten" überall aus unserer Landschaft verschwinden? Daß Großstädter ungehindert und mehr Zugang an Seeufern bekommen? Besteht die Aussicht, daß man die Auflagen zur Sauberhaltung unserer Flüsse und Seen jetzt energischer durchsetzt? Können wir erwarten, daß nicht noch mehr Seilbahnen, neue Wochenendhäuser an den schönsten Plätzen der Landschaft genehmigt werden? Wird man den Unternehmern mehr auf die Finger klopfen, die uns ihre Kraterlandschaften, die durch Abbau von Kies und Steinen entstehen, gerade an den Stellen hinterlassen, die als Erholungsgebiete ausgewiesen sind?

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Das sind einige der Fragen, die jedermann oder, wie es in der Sprache der Verwaltungsgerichte heißt, die den "der Natur aufgeschlossenen Durchschnittsbürger" interessieren. Oder wird in Bonn ein Papiertiger aufgebaut? Nur deshalb, weil es sich – zum Beispiel in den USA – gezeigt hat, wie werbekräftig und publikumswirksam es für Politiker sein kann, wenn sie versprechen, für die Probleme der Umwelt zu streiten, und dazu einen berühmten Namen vorweisen?

Zunächst fällt auf, daß die Bundesregierung einen Beauftragten berufen hat, ohne die Institutionen zu konsultieren, die ihr über ihre eigenen Ministerien zur Verfügung stehen. Im Landwirtschaftsministerium gibt es ein Referat über Naturschutzfragen, es existiert eine sehr aktive und auch international anerkannte "Bundesanstalt für Vegetationskunde, Naturschutz und Landschaftspflege" in Bad Godesberg. Unter dem Vorsitz des Bundespräsidenten besteht ein Rat der Weisen, der "Deutsche Rat für Landespflege", mit einem so prominenten Sprecher wie Graf Bernadette. Dazu gibt es die vielen divergierenden Verbände des Naturschutzes, über hundert, die sich zu einem "Deutschen Naturschutzring" zusammengefunden haben; sie warten mit der stolzen Zahl von zwei Millionen Stimmen auf.

Es gibt Bezeichnungen, die eine an sich wichtige Sache schon von vornherein wenn nicht abwerten, so doch mit dem Odium einer gewissen Sentimentalität und eigenbrötlerischen Weltfremdheit belasten. Dies trifft zweifellos für den Tierschutz zu, doch auch der Naturschutz blieb davon nicht verschont. Beide Begriffe nun, von der Bundesregierung in ihren Presseverlautbarungen zusammengebracht, kennzeichnen leider keineswegs die tatsächliche Situation und den Blickwinkel, aus dem unsere Politiker die Probleme unserer Umwelt sehen sollten. Warum, zum Beispiel, hat man nicht auf den Namen Landespflege zurückgegriffen, der sich für eine umfassende Betrachtung eingebürgert hat?

Das allerdings würde bedeuten, daß man in Bonn den Naturschutz auch als Teil der Umweltprobleme betrachtet, doch dies scheint nicht der Fall zu sein. Bei der neuen Zuständigkeitsverteilung der Sachgebiete innerhalb der Bundesministerien, die zur Umweltpflege gehören, gingen die Fragen der Raumordnung, des Gewässerschutzes, der Luftreinhaltung und der Abfallbeseitigung an das Innenministerium; der Naturschutz jedoch blieb als Referat beim Landeswirtschaftsministerium. Auch die neue Wissenschaft der Umweltforschung selber scheint den Naturschutz nicht als Verbündeten auf ihrer Rechnung zu haben: Es gelang bisher nicht, den Direktor des eben gegründeten "Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen in der wissenschaftlichtechnischen Welt", Professor C. F. v. Weizsäcker, für ein Referat beim Deutschen Naturschutztag zu gewinnen. Dieser Naturschutztag, der Ende Mai in Berlin in Anwesenheit des Bundespräsidenten Dr. Heinemann abgehalten wird, gilt immerhin als die zentrale deutsche Veranstaltung zum gerade begonnenen Europäischen Naturschutzjahr.

Noch etwas gibt zu Bedenken Anlaß. Der neue Naturschutzbeauftragte der Bundesregierung hat auf eine finanzielle Honorierung seiner Dienste verzichtet. Das mag in einer ehrenwerten Geste in der Person des Beauftragten liegen und zunächst keinen sachlichen Zusammenhang zu den Aufgaben haben. Tatsächlich wird hier jedoch eine Entwicklung deutlich, an der heute der ganze Aufbau des Naturschutzes krankt: Naturschutz ist eine Hobby-Angelegenheit, man erledigt diese Sache ehrenamtlich. Man hatte vor fast vier Jahrzehnten geglaubt, das Naturschutzgesetz deshalb leichter in Kraft setzen zu können, wenn man ihm keine eigene Verwaltung gibt, sondern sich auf ehrenamtliche Berater beschränkte. So bestellte man auf allen Verwaltungsebenen, bei den Landkreisen, den Regierungsbezirken, den Provinzen, später bei den Ländern, ehrenamtliche Naturschutzbeauftragte.

Bis auf wenige Ausnahmen – man hat bei den meisten Ländern die Landesbeauftragten zu vollamtlichen Stellen ausgebaut – besteht dieses System heute noch. Etwa vierhundert vom Gesetz bestellte Naturschützer mühen sich, über die ganze Bundesrepublik verteilt, ab, über rund neunhundert Naturschutzgebiete, gut siebentausend Landschaftsschutzgebiete und mehr als zehntausend Naturdenkmale zu wachen. Die Naturschutzgebiete umfassen nur ein Prozent der gesamten Fläche der Bundesrepublik. Die Landschaftsschutzgebiete, zu denen die vierzig Naturparks als große zusammenhängende Erholungsgebiete gehören, machen dagegen etwa 18 Prozent der gesamten Landesfläche aus.

Die Naturschutzbeauftragten rekrutieren sich aus interessierten Lehrern, Förstern und Gartenarchitekten. Den Verwaltungen, die sie beraten sollen, bedeutet der Naturschutz in der Regel ein – oft lästiges – Anhängsel. Auf der unteren und mittleren Verwaltungsebene wird diese Aufgabe von Ordnungs- und Bauämtern mehr am Rande erledigt oder, genauer: kann aus personeller Unterbesetzung nur am Rande mit erledigt werden.

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Dem Häuflein der Naturschutzbeauftragten und ihren gewiß oft gutwilligen Verwaltungen steht indessen ein Heer von Wasserbauingenieuren, Industrieplanern, Städteplanern und Bauarchitekten gegenüber, die mit ihren Forderungen – sie segeln meistens unter der Flagge von Sachzwängen – die ohnehin schwachen Verteidigungspositionen des Naturschutzes schon im ersten Anlauf überrennen. Das gewiß lobenswerte Engagement der ehrenamtlichen Naturschützer ist zu einem Bumerang geworden nach der fatalen Erkenntnis: Was nichts kostet, kann auch nichts wert sein.

Dabei sehen die Bürger doch ein, daß die Erhaltung und Pflege von Erholungsgebieten Geld kostet. Die Zeitschrift "Life" fragte ihre Leser kürzlich, zur Lösung welcher Probleme und in welcher Rangfolge der Staat mehr Geld aufwenden sollte. Das eindrucksvolle Ergebnis: Die Umwelterhaltung rückte bei den US-Bürgern an die zweite Stelle, noch vor die Armenfürsorge.

Die finanzielle Beteiligung des Bundes in Sachen Naturschutz war bisher kläglich. Für die überregionalen großen Erholungsgebiete, die Naturparks, stellte Bonn anfänglich zwei Millionen Mark zur Verfügung. Dieser Betrag schrumpfte alsbald um über die Hälfte zusammen, in Zukunft soll er ganz wegfallen. Die Zentralregierung der benachbarten Niederlande dagegen, also eines Staates von sehr geringer Flächenausdehnung, stellt für den Naturschutz jährlich 25 Millionen Gulden bereit; daneben fließen dem Naturschutz erhebliche Beiträge von Provinzen, von Gemeinden und privaten Organisationen zu.

Naturschutz, freilich, ist nach dem Gesetz Sach; der Länder. Jedes Bundesland praktiziert also seinen eigenen Naturschutz. Daß er immer noch ziemlich einheitlich funktioniert, liegt daran, daß sich alle Naturschützer zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen haben und ihre Verwaltungen mit untereinander fachlich abgestimmten Meinungen beraten. Was bis heute fehlt, sind genügend ausgebildete Fachleute, die in den entsprechenden Verwaltungsstellen die Fragen der Landespflege hauptamtlich bearbeitet. Einige Technische Hochschulen haben die Landespflege in ihre Lehrpläne aufgenommen. Das Land Niedersachsen bemüht sich, den Beruf des Landespflegers in die behördliche Beamtenhierarchie einzubauen.

Wer soll nun in Zukunft als Landespfleger arbeiten, und wie soll in Zukunft unsere Landschaft aussehen?

Hier nun ist unter den Beteiligten eine Art Dschungelkrieg ausgebrochen. Pädagogen empfehlen sich für diese Zukunftsaufgabe mit ihrer naturwissenschaftlichen Ausbildung, die Förster, weil sie seit zweihundert Jahren beruflich das Prinzip einer nachhaltigen Nutzung des Waldes üben. Zu ihnen sind die Landschaftsarchitekten gestoßen, deren Beruf im traditionsreichen Gartenbau, in der Gestaltung der großen Parks wurzeit, sich aber seit dem Autobahnbau gewandelt hat; sie haben gelernt, in der Sprache der Technik, in Plänen zu denken und ihre Vorstellungen auch in Plänen zu manifestieren. Von den Pädagogen und den Naturwissenschaftlern wird die Fortführung der Arbeiten in einem etwas weltfremden Trott befürchtet. Die Forstleute unterstellen, die Landschaftsarchitekten wollten ihre Wälder in Parks umwandeln. Die Landschaftsarchitekten argwöhnen dagegen, daß ohne ihre Mitarbeit schlechte Kopien ihrer Ideen und kleinkarierte Konzeptionen angewendet würden.

Von einer festgefügten Grünen Front kann also keine Rede sein. Ihre exponiertesten Vertreter, die Landwirte, sehen im Naturschutz sogar einen Hemmschuh, der ihren Interessen an einer intensiveren Ausnutzung der Landschaft oder der notwendigen betriebswirtschaftlichen Umgestaltung ihrer Betriebsstrukturen entgegensteht. Sie sind alarmiert vom Mansholtplan, der vorsieht, daß in der Bundesrepublik vier bis fünf Millionen Hektar, mindestens aber drei Millionen Hektar, nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden. Naturschutz und Landschaftspflege jedoch erwarten, dieser Entwicklung zufolge die einzigartige Aufgabe, nämlich: die Landschaft der Zukunft zu formen. Mit Hilfe von Landschaftsplänen werden in einigen Gebieten bereits Modelle praktiziert. Dabei sieht man in den Landwirten, und Forstleuten die natürlichen Verbündeten. Wer sonst sollte die Landschaft der Zukunft pflegen?

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Die Vorstellungen zum Agrarprogramm der vorigen Bundesregierung sind es schließlich gewesen, die die Naturschützer auf die Barrikaden brachten. Ein Initiativantrag sollte Bundesbaugesetz und Wasserhaushaltsgesetz aufweichen. Man wollte einen Kanal öffnen, um das Bauen in der freien Landschaft zu erleichtern. Es gelang nur mit Mühe, diesen Antrag zu vertagen, getötet ist er noch nicht.

In die Schublade unerledigter Vorhaben verschwand auch der Entwurf eines Bundeswaldgesetzes. Privaten Waldbesitzern sollten danach öffentliche Mittel helfen, die Schäden zu beseitigen, die dem Wald durch Besucher zugefügt werden. Das Gesetz entpuppte sich im Lauf der Beratungen jedoch als ein Bumerang: Man hätte auf Kosten der jetzt allgemein frei zugänglichen Landschaftsschutzgebiete nämlich ein System von Erholungsgebieten geschaffen, das nur auf den Wald beschränkt ist.

Was von den organisierten Naturschützern erwartet wird, ist ein "Bundesrahmen" für ein Naturschutzgesetz, das endlich auch den Begriff der Erholung einführt; in den geltenden Naturschutzgesetzen existiert er nicht. Das Bundesrahmengesetz müßte es auch möglich machen, außerhalb von festgelegten Schutzgebieten, die immer nur einen Teil der freien Landschaft bilden, Eingriffe in das Landschaftsgefüge zu kontrollieren und nach dem Grundsatz zu lenken: Wer aus der Landschaft einen Profit zieht, hat auch finanziell dafür zu sorgen, daß später keine Schäden zurückbleiben.

Wird sich nun mit der Erklärung der Bundesregierung, sich für den Naturschutz zu engagieren, in der Praxis etwas ändern Auch ein Bundesrahmengesetz allein kann den Ausverkauf unserer Landschaft nicht aufhalten. Den Gemeine den steht nach dem Bundesbaugesetz die Planungshoheit in Baufragen zu, den Landkreisverwaltungen die Möglichkeit, Ausnahmen von Bauverboten zu erlassen.

Wohin es führen kann, wenn Gemeinde und Kreis den Schutz der Landschaft nicht als dringend notwendige Aufgabe ansehen, zeigte kürzlich eine von der ARD ausgestrahlte Fernsehdokumentation "Ausverkauf der Natur". Hier wurden fast ausschließlich Beispiele gezeigt, wie durch ein Versagen der unteren und mittleren Verwaltungsbehörden die Bestimmungen über Landschaftsschutzgebiete durchlöchert wurden. Man sprach von einer "Beziehungsdemokratie", und der Zuschauer konnte sich über die Wochenendvilla des Herrn Direktor X. im Landschaftsschutzgebiet erbosen.

Der Kummer gewohnte Landrat eines Bodensee-Kreises prägte als Repräsentant einer unteren Naturschutzebene den Satz: "Der Naturschutz ist so gut oder so schlecht, wie er vom Landrat vertreten wird." An diesen Gegebenheiten wird sich, so ist zu fürchten, auch in absehbarer Zukunft nichts ändern. Oder sollten die zum Europäischen Naturschutz 1970 verkündeten Forderungen auch in den politischen Gremien der Kreise und Gemeinden ein Echo finden?