Hamburg

Niemand war nackt, als die „Deutsche Sex-Partei“ gegründet wurde. Über diesen Zustand beschwerte sich das Kneipenpublikum – Dienstagnacht im Altonaer „Justizhof“, per Luftlinie und auch sonst nicht weit entfernt vom Reeperbahnpublikum. „Nu’ zeigt ma’ her, was ihr habt“, forderte einer. Dann schrie jemand Unanständigeres, der Ober drängelte sich mit seinem Biertablett dazwischen, und die Gründungsmitglieder wurden auf die Parteilinie sauer, bevor es die Partei überhaupt gab.

Der Hauptakteur – Joachim Driessen, Graphiker und mit seiner eigenen Sex-Postille „St. Pauli-Zeitung“, vor den Richter gekommen – hatte den Gründungsakt der DSP spontan eingeleitet: „Wir wollten eigentlich erst im Sommer mit der Sex-Partei herauskommen“, erklärte er, „aber es ist höchste Zeit, daß wir uns nun organisiert um die sexual-politischen Belange kümmern.“

Eine Woche vor der öffentlichen Parteigründung nämlich war die „St. Pauli-Zeitung“ dem Porno-Paragraphen zum Opfer gefallen und drohte, verboten zu werden. Nach Meinung ihres Herausgebers lag die Rettung allein in der Umwandlung seiner Sex-Zeitung in ein politisches Organ, das dann nicht verboten werden kann. Warum also nicht zu seiner Zeitung eine Partei gründen? Der Chefredakteur trommelte erregt seine Anhänger gegen die Sexdiskriminierung zusammen und beschloß, die Partei sofort auf die Beine zu stellen. „Wir beginnen den langen Marsch in die Bundesregierung. Die Fünfprozentklausel ist keine Hürde für uns.“

So waren es genau elf Gründungsmitglieder, die im Stammtischzimmer einer Altonaer Kneipe die konstituierende Sitzung der DSP zelebrierten („Sex-Partei Deutschland konnten wir uns nicht nennen – das wäre SPD geworden“).

In mühseligen Wahlgängen wurden der 1. Vorsitzende, sein Stellvertreter, Kassenwart und Schriftführerin ermittelt. Der Elferrat machte beleidigte Mienen, als die Zuhörer bis in die letzten Reihen hinein mehr Aktionen forderten. „Sie haben wohl gedacht, wir machen Schweinkram“, rief einer vom Gründungstisch. Und zwei Herren mittleren Alters, die zufällig vorbeigekommen waren, riefen im Duett nach Orgien, Nacktheit und schrien „Licht aus“.

Sowie Joachim Driessen als Parteichef bestätigt war, erläuterte er seine Ideen: „Wir müssen zu einer Friedensära zurückfinden. Zu einem völlig streitlosen Zeitalter. Aggressionen dürfen nur in Ehe- und anderen Betten ausgetobt werden. Das haben die Mächtigen bisher verhindert.“