DIE ZEIT

Verankerung

Endlich, nach sieben Jahren Freundschaftsvertrag, hat sich das Verhältnis zwischen Bonn und Paris so eingependelt, daß beide ohne faulen Zauber wesentliche Übereinstimmung und ohne galligen Groll manche Divergenz zu registrieren vermögen.

Ex oriente Öl

Erdgas ist eine verderbliche Ware. Die Russen besitzen davon eine fast unbegrenzte Menge. Sie wollen es gegen harte Devisen an den Mann bringen, ehe das Geschäft verdorben wird durch neue Kernkraftwerke, die konkurrenzlos billige Energie liefern können.

Amerikas "neue Sachlichkeit"

Als der britische Premier Harold Wilson in der vergangenen Woche in Washington vorgesprochen hatte, gab es weder ein Kommuniqué noch pompöse Erklärungen über seine Unterhaltungen mit Präsident Richard Nixon.

Eine Gesellschaft der Dummen?

Der heutige Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Professor Lust, kann es ebensowenig gelassen ausgesprochen haben wie sein Vorgänger, der jetzt Bundeswissenschaftsminister ist: das Wort vom Numerus clausus, der leider noch mehrere Jahre bestehenbleiben müsse.

ZEITSPIEGEL

Vor Jahren hätte es noch helle Empörung gegeben, im vergangenen Jahr wurde noch die Polizei mobilisiert, jetzt kräht kein Hahn mehr danach – wenn die DDR-Fahne auf bundesrepublikanischem Boden gehißt wird.

"...an meinen Händen klebt kein Blut"

Aber, Genossen, an diesen meinen Händen klebt kein Blut!" Der Anfang des Satzes, in dem sich der Redner zu galanten Handgreiflichkeiten privater Natur bekannte, steigerte den Schlußeffekt.

Die Strategie der FDP

Für die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und in Hessen haben die Freien Demokraten ihr Wahlziel bekanntgegeben: Sie wollen die Sozialdemokraten an der Eroberung der absoluten Mehrheit hindern.

Clausewitz im Rolls-Royce

Er war der Clausewitz dieses Jahrhunderts. Feldmarschälle (wie Montgomery) und Präsidenten (wie Kennedy) haben dem ehemaligen britischen Hauptmann und Militärtheoretiker Sir Basil Liddell Hart ihren Respekt bezeugt.

Erfolgreicher Streik

Der Streik von ein paar hundert Kriegsdienstverweigerern bewirkte, was noch vor hundert Tagen undenkbar schien: daß Bundesregierung und bald wohl auch der Bundestag die Sorgen und Beschwerden der Ersatzdienstleistenden ernst nehmen.

Kein Küchenkabinett

Während der hundert Jahre, die seit der Gründung des deutschen Staates vergangen sind, ist niemals ein Beamter, der dem Regierungschef direkt unterstand, für eine Sache eingesetzt worden, die in die Kompetenz des Auswärtigen Amtes gehörte.

Rabbiner gegen Richter

Wer ein Jude ist, bestimmt das Oberrabbinat in Jerusalem – auch wenn ihm das Obergericht in Jerusalem widerspricht. In dem alten Streit über die Frage, wer ein Jude sei, haben dieser Tage noch einmal die Thora-Wächter über die Gesetzeshüter triumphiert.

Ernst Friedlaender

Als Ernst Friedlaender nach langen Jahrei der Emigration 1946 in das zerstörte, von Hunger und Kälte gepeinigte Deutschland zurückkehrte und in die Redaktion der ZEIT eintrat, da ging von ihm und seinen Artikeln ein ganz unvergleichliches Leuchten aus.

Walter Ulbricht sperrt sich

Die innerdeutschen Postgespräche sind bereits nach wenigen Verhandlungen festgefahren. Bonner Politiker hatten sich von diesen Gesprächen einige Erfolge versprochen.

Dayans Doktrin

Mit den Bombenangriffen bis an die Vororte Kairos heran und mit der 36stündigen Besetzung der ägyptischen Insel Schadwan im Roten Meer eröffnete Israel jetzt jenen "Zermürbungskrieg", den ihm Nasser vor einem Jahr erklärt hatte.

Eine Filiale der SED

Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) ist die einzige Gewerkschaftsorganisation in der DDR. Er erkennt in seiner Satzung die führende Rolle der SED an und bekennt sich zum Marxismus-Leninismus.

Eine Offerte an den Kollegen in Ost-Berlin

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat am Dienstag mit einem zwanzigjährigen Tabu gebrochen. Was bis zur Mitte der sechziger Jahre als glatte Häresie galt und auch danach heftig umstritten geblieben ist, soll nun unternommen werden: der Versuch, zum Freien Deutschen Gewerkschaftsbund der DDR Kontakte herzustellen.

Sex-Partei: "Hier liegen Sie richtig"

Niemand war nackt, als die "Deutsche Sex-Partei" gegründet wurde. Über diesen Zustand beschwerte sich das Kneipenpublikum – Dienstagnacht im Altonaer "Justizhof", per Luftlinie und auch sonst nicht weit entfernt vom Reeperbahnpublikum.

Unerwünschter Griechenkonsul: Delikate Angelegenheit

Der Innenminister machte Außenpolitik. "Die Staatskanzlei", so formulierte Johannes Strelitz behutsam vor dem Plenum des Hessischen Landtages, "hat das Auswärtige Amt über die Entwicklung unterrichtet.

Was tat Pfarrer Piening?

In einem Einschreibebrief teilte Bischof Wölber Pastor Reimer Piening mit, er sei beurlaubt und dürfe weder als Schülerpastor noch im Jugendpfarramt tätig werden.

Pocken-Alarm im Sauerland: Menschen in Angst

Über den drei tollen Tagen liegt der Todesschatten der mittelalterlichen Seuche. Das närrische Volk bangt um sein Vergnügen, auf das es sich ein ganzes Jahr lang freute, und muß sich in einem Aufruf der Stadtverwaltung mahnend sagen lassen: "Die Trauer um den Tod von Bärbel Berndt, die Sorge um die Erkrankten und noch ansteckungsverdächtigen Mitbürger wird verständlicherweise keine allzu große Fröhlichkeit aufkommen lassen.

DGB schreibt FDGB

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) will mit dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) der DDR Sondierungsgespräche aufnehmen.

Lesotho: Wahlen ungültig

Der Ministerpräsident von Lesotho, Leabua Jonathan, hat in seinem Lande die Macht übernommen. Er erklärte die in der vergangenen Woche abgehaltenen Wahlen für ungültig.

Dokumente der ZEIT

"Sie, Herr Präsident, haben Ihre erste Auslandsreise nach Ihrem Amtsantritt im vergangenen Herbst nach Bonn unternommen; für mich ist diese Reise nach Paris der erste offizielle Besuch bei einer befreundeten Regierung seit meiner Übernahme des Amtes des Bundeskanzlers.

ABM-System: Nixon läßt bauen

Die Vereinigten Staaten wollen ihr Antiraketensystem (ABM) weiter ausbauen. Auf seiner ersten Pressekonferenz im neuen Jahr kündigte Präsident Nixon völlig überraschend eine "zweite Phase" für den Ausbau des Raketenabwehrsystems "Safeguard" an.

Nahost: Kossygin warnt

An der Waffenstillstandslinie zwischen Syrien und Israel ist es in den letzten Tagen zum erstenmal seit dem Juni-Krieg von 1967 zu schweren Kämpfen gekommen.

Opposition will mehr Härte

Die Reform des Demonstrationsrechts ist nach wie vor umstritten. Der Entwurf der Koalitionsparteien, der eine Liberalisierung der Strafbestimmungen über den Gemeinschaftsfrieden vorsieht, wird von der CDU/CSU-Opposition abgelehnt.

Bahr setzt Gespräche fort

Der Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Egon Bahr, und der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko haben in zwei insgesamt zehn Stunden dauernden Gesprächen Ansichten über ein gegenseitiges Gewaltverzichtsabkommen ausgetauscht.

Vietnam: Keine Luftangriffe

Erstmals seit dem vom damaligen Präsidenten Johnson am 1. November verkündeten Bombardierungsstopp haben amerikanische Flugzeuge in der vergangenen Woche wieder einen Angriff auf nordvietnamesisches Territorium geflogen.

Die linken Feuilletons

Wir hören und lesen es immer wieder: Die Feuilletons der großen Zeitungen ähneln sich, und zwar mehr als sie den politischen und wirtschaftlichen Ressorts der jeweiligen Zeitungen ähneln.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Jedem Jahr seinen Unsterblichen – noch ahnen wir nicht, was 1970 alles an Beethoven in Kassetten und Schubern auf uns zukommen wird.

ZEITMOSAIK

Der Schriftsteller ist einer der letzten Proletarier in dieser Gesellschaft, einer der raren Zeitgenossen, die man ohne dialektischen Reflexions-Kraftakt als ausgebeutet bezeichnen darf, fossile Kuriosität schließlich, auf die angewandt der Begriff der Entfremdung noch einen guten Sinn hat.

Die "Brücke" zum Weltruhm

Der Berghang am See, Berge im Winter, braune Berge, Bäume am Hang, das waren Heckels Motive in den letzten Jahren, Motive, die er vor seinem Fenster hatte, der Garten in Hemmenhofen, der Garten, der für einen alten Mann viel zu steil war, ein Bauerngarten, fast so wild und so üppig wie der Blumengarten in Seebüll.

Kunstkalender

Manzoni, das italienische Pendant zu Yves Klein. Auffallend sind die Parallelen sowohl in den biographischen Fakten wie in der Arbeit, den Ideen, der naiven Selbstvergottung, der Manie, die Öffentlichkeit zu düpieren und sich vor rationalen Argumenten ins Mystische zurückzuziehen, schließlich auch der Tatsache, daß sie beide erst postum zu immer größerer Effektivität gekommen sind.

Unser Seller-Teller Januar 1970

DDR: Shukow, "Erinnerungen und Gedanken"; Wohlgemuth, "Verlobung in Hullerbusch"; "Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie"; "Brockhaus ABC Naturwissenschaften und Technik"; Autorenkollektiv, "Geographie für jedermann" (laut Literaturbeilage des "Neuen Deutschland" 1/70).

Goldener Käfig Prag

Prag war das Dublin der alten Monarchie, und da so viele Prager Schriftsteller waren, hielten sie (um einen Aphorismus Robert Musils zu variieren) jeden, der nicht schrieb, für ein Genie.

Visionen von einem anderen Theater

Offenbar war es die wichtigste Funktion der Theaterschriften von Antonin Artaud, eine faszinierende, schwer erfüllbare Theaterutopie geschaffen zu haben.

KRITIK IN KÜRZE

"Das Leben als Balance – Seelische Gesundheit und Krankheit im Lebensprozeß" von Karl Menningen Geschrieben für Mediziner von einem der führenden amerikanischen Psychiater, ist dieses erfrischend undoktrinäre Werk auch für den interessierten Laien die derzeit beste Einführung in den Problembereich psychischer Krankheit und Gesundheit, dessen weder von der Öffentlichkeit noch von den Verantwortlichen der Gesundheits- und Sozialpolitik voll realisierte Bedeutung uns die Tatsache vor Augen führen mag, daß der Anteil psychisch Kranker oder erheblich Gestörter an der Gesamtbevölkerung nach den niedrigsten Schätzungen bei etwa zehn Prozent liegt.

Nachlaß zu Lebzeiten

Das hätte man sich ja gleich denken können. Wenn Schriftsteller mit ihrem Metier zerfallen sind, wenn sie für sich mit der Literatur ein Ende gemacht haben, wenn sie mit der Literatur ein Ende gemacht haben, wenn sie nicht mehr wissen, wie es mit ihnen noch weitergehen soll, wenn sie mit dem Gedanken zu spielen angefangen haben, nun könne nur noch das ganz andere kommen, nach der heiteren Kunst das ernste Leben etwa, vielleicht eine Reise nach Kuba, vielleicht auch die aktive Mitarbeit bei der Veränderung unserer Gesellschaft, vielleicht aber – im Falle größerer Skepsis sich selber gegenüber – auch nur etwas anderes Heiteres, Filme machen oder – what can a poor boy do? – in einer Rock’n’Roll-Band mitspielen, wenn also Schriftsteller von der Literatur so richtig den Rand voll haben und öffentlich bekanntgeben, sie hätten von der Literatur so richtig den Rand voll und so könne es nicht weitergehen, aber wie es weitergehen könnte, wüßten sie auch nicht: Dann steht erfahrungsgemäß ein neues Buch in Aussicht, in welchem die Gründe dafür verarbeitet sind.

Dreimal die Großen Drei

Fünfundzwanzig Jahre nach den Gipfelkonferenzen von Jalta und Potsdam ist die deutsche Frage noch immer ungelöst, eine europäische Friedensordnung, die damals begründet werden sollte, noch nicht gefunden – also Anlaß genug, sich einmal wieder die Konferenzprotokolle vorzunehmen, aus denen Politiker, Publizisten und alle sonst politisch interessierten Leser viel über die Ursprünge der deutschen und europäischen Teilung erfahren können, die überwinden zu helfen sich die Bundesregierung in den letzten Wochen bei ihren Sondierungen in Moskau, Warschau und Ostberlin bemüht hat.

Im Bannkreis Chinas

Vietnam – der "Marsch nach dem Süden" – Korea – "das Land der Morgenlrische"

FILMTIPS

"Topas", von Alfred Hitchcock. Eine banale Agentenstory – aber die Banalität hat bei Hitchcock ihre eigenen Tücken, und der Agent erscheint hier als zeitgenössischer Prototyp.

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