Meschede

Über den drei tollen Tagen liegt der Todesschatten der mittelalterlichen Seuche. Das närrische Volk bangt um sein Vergnügen, auf das es sich ein ganzes Jahr lang freute, und muß sich in einem Aufruf der Stadtverwaltung mahnend sagen lassen: „Die Trauer um den Tod von Bärbel Berndt, die Sorge um die Erkrankten und noch ansteckungsverdächtigen Mitbürger wird verständlicherweise keine allzu große Fröhlichkeit aufkommen lassen.“

Auf Rat der Ärzte fiel das Konzert des japanischen Klaviervirtuosen Professor Hiroshi Kajiwara aus. Ein Ruderklub verzichtete auf seinen Karneval. Die metallverarbeitenden Honsel-Werke verschoben den Geburtstagsempfang für ihren Chef auf einen späteren Termin.

Die Pocken lähmen nicht das Leben dieser 18 000-Seelen-Stadt Meschede, aber sie sind das beherrschende Thema aller besorgten Gespräche, aller erregten Diskussionen.

Der weiße Desinfektionswagen – amtlich Seuchenauto genannt –, der die Pockenkranken und Pockenverdächtigen in die Spezialklinik nach Wimbern bringt, fährt mit Polizeigeleit vorbei an den Schaufenstern, die bunten Flitterfirlefanz, Scherzartikel und alberne Masken anbieten. Die Passanten blicken ihm scheu nach.

Metzgereien klagen über weniger Kunden. Der Vater des Elektrikers Bernd Klein, der die heimtückische Krankheit aus Karatschi einschleppte, arbeitete im Städtischen Schlachthof. Die Beruhigung der Veterinäre, Pocken können über Fleisch nicht übertragen werden, half kaum gegen die Psychose.

Einige Eltern ließen ihre Kinder nicht in das Gymnasium der Benediktiner gehen, nachdem bekannt wurde: Pater Kunibert Mönig, der an dieser Schule Religion und Kunsterziehung lehrte, hat auch die Pocken.