Die wie große Spitzmäuse aussehenden Spitzhörnchen oder Tupaias – eine Gruppe der urtümlichsten aller Primaten – sträuben bei Erregung die langen Haare ihrer Schwänze. Dieses Zeichen benutzte der deutsche Zoologe Dietrich v. Holst in seiner Untersuchung über die Folgen sozialen Streß’ (Belastung) als Maßstab. Hatte eines der Tierchen an den zwölfstündigen Beobachtungstagen sechs Stunden die Schwanzhaare gesträubt, so notierte er „50 Prozent SSZ“ (Schwanzsträubezeit).

Die Methode war erfolgreich, denn sie ermöglichte nach der Sammlung umfangreichen Beobachtungsmaterials präzise Aussagen über die Wirkung verschiedener Streßgrade. Als Streß definierte v. Holst jenen Zustand, in den die Tiere durch die schädigenden Reize versetzt werden, die von ihren Artgenossen bei zu hoher Wohndichte ausgehen. Weibliche Spitzhörnchen, bei denen die SSZ 50 Prozent übersteigt, sind unfruchtbar. Bei den Männchen mit mehr als 50 Prozent SSZ erweichen die Hoden und können in die Bauchhöhle zurückgedrückt werden. Steigt bei den Männchen die SSZ auf mehr als 70 Prozent, dann werden im Hodengewebe keine Keimzellen mehr hergestellt. Sowie diese kritischen Schwanzsträube-Zeitmaße unterschritten werden, normalisieren sich die Erscheinungen wieder.

Von Nagetieren ist bekannt, daß unter Streß die Produktion von Nebennierenrindenhormonen stark gefördert wird, was auch für den Menschen gilt. Diese Hormone hemmen bei Nagern die Absonderung von Wachstums-, Schilddrüsen- und Sexualhormonen, womit sich bei den Tieren eine zu hoch gewordene Bestandsdichte von selber reguliert.

Ähnliches gilt auch für die Spitzhörnchen. Ihre Wachstumskurve steigt bis zur Geschlechtsreife stetig an. Dann beginnen die Rangordnungskämpfe, die offensichtlich als Streß empfunden werden, jedenfalls von den Verlierern, die nun im Wachstum zurückbleiben. Ein Unterlegener hat eine SSZ von 100 Prozent. Er braucht nur den Sieger zu sehen, dann sträuben sich die Schwanzhaare. Erwachsene Spitzhörnchen mit einer SSZ von 60 Prozent können in wenigen Tagen etwa ein Drittel ihres Gewichts verlieren.

Mütter mit einer SSZ von mehr als 20 Prozent fressen ihre Jungen auf. Sie versäumen, ihre Jungen mit einem Drüsensekret zu beduften, das auch fremde Spitzhörnchen abschreckt. Die Milchproduktion und der Rhythmus des Säugens normalisieren sich nicht sogleich wieder, wenn sich die Mütter beruhigen, also eine geringere SSZ beobachten lassen. Kommt ein neu in den Käfig zugesetztes Tier sogleich auf 100 Prozent SSZ, dann kann es schon nach wenigen Stunden sterben.

Wie belastungsempfindlich aber vor allem die Fortpflanzung der Spitzhörnchen ist, ergibt sich daraus, daß Würfe ausfallen, wenn der Pfleger gewechselt wird oder fremde Menschen den Raum betreten. Dieser „Besucher-Effekt“ war auch schon anderen Spitzhörnchenforschern aufgefallen. Die Weibchen können Junge noch resorbieren, die schon kurz vor der Geburt stehen.

-ing