Wilhelm Girnus, Staatssekretär a. D., als Professor für allgemeine Literaturwissenschaft Leiter des germanistischen Instituts der Ostberliner Humboldt-Universität und Chefredakteur der literarischen Zeitschrift „Sinn und Form“, promovierte 1952 an der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig über das Thema: „Goethe. Der größte Realist deutscher Sprache. Versuch einer kritischen Darstellung seiner ästhetischen Auffassungen.“

Mit seiner Doktorarbeit begann Wilhelm Girnus sozusagen den Kampf um Goethe, den Kampf um ein neues Goethebild. Goethe wurde schon mit vielen Augen gesehen und wird noch mit vielen Augen gesehen werden. Und Girnus als Marxist betrachtet Goethe und sein Werk natürlich mit marxistisch geschulten Augen. Er sieht Goethe frei und möchte ihn frei haben von dem romantizierenden Idealismus, mit dem er, zumal in westdeutschen Schulen, noch häufig umgeben wird.

Aber bei einem kompetenten Literaturwissenschaftler wie Wilhelm Girnus (als Jahrgang 1906 war er zur Zeit seiner Promotion kein junger Student mehr) geben mir Sätze wie diese doch Anlaß zu Verwunderung:

„Das Problem, das er in den Mittelpunkt seines Romans (Wilhelm Meister) rückt und von dem aus er die einzelnen Individualitäten vielseitig beleuchtet, ist in der Tat das Zentralproblem des damaligen Deutschland, und wer wagt zu bestreiten, daß wir heute in Deutschland gerade deshalb in quälenden nationalen Zwiespalt gezwungen werden, weil die im Wilhelm Meister‘ enthaltene Problematik infolge der unglücklichen Lage in Westdeutschland für unser Vaterland noch immer nicht endgültig gelöst ist. Dort darf das Mittelalter unter der Herrschaft landfremder Eroberer immer noch seine verjährten historischen Ansprüche geltend machen. Dort dürfen die herrschenden Kreise eines impotenten deutschen Bürgertums immer noch jene antinationale Gesinnung, die Goethe im ‚Wilhelm Meister‘ selbst so scharf geißelte, zynisch zum Gesetz erheben. Dort versuchen sie wieder, wie so oft, Deutsche in Not und Tod zu stoßen, um ‚sich selbst und das, was ihnen ein unerläßliches Bedürfnis ist, zu retten und zu erreichen‘.“

Literaturwissenschaft ist – vor allem, wenn ihre Vertreter Werturteile verkünden – doch eine recht „subjektive Wissenschaft“. Es gibt recht seltsame Kriterien, die Bedeutung und den Wert eines Werkes festzustellen. Wilhelm Girnus scheint – in seiner Doktorarbeit – den Wert eines Buches auch danach zu beurteilen, wer es gelesen und wer dem Autor mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat. Über Goethes „Faust“ heißt es: „Lenin hatte neben Puschkin den ‚Faust‘ als einziges Werk der Weltliteratur in seinem Gepäck gehabt, als er in die Verbannung ging. Durch nichts kann die Bedeutung dieser Dichtung besser charakterisiert werden als durch diese Tatsache.“ Und Maxim Gorki hätte „in seiner Kunst niemals jene Reife und Meisterschaft erlangt, hätten ihm nicht in den Fragen der ästhetischen Theorie Ratgeber wie Lenin und Stalin zur Seite gestanden“.

Es ist zwecklos, darüber zu streiten, wie und was Maxim Gorki geschrieben hätte, wäre die Geschichte der Sowjetunion anders verlaufen. Das Goethe-Bild von Girnus aber will mir genauso unbefriedigend erscheinen wie das im Kotau ihm übergestülpte Geschichtsbild: „Jetzt endlich, nach rund zwei Menschenaltern, hat durch den welthistorischen Sieg des sowjetischen Volkes über die Feinde der großen humanistischen Tradition des deutschen Volkes auch für sein Werk die Stunde der Entdeckung für das Volk geschlagen, das er über alles liebte und für das er auf seine Weise gelitten und gestritten hat. Jetzt endlich ist – vorläufig nur in einem Teile unseres Vaterlandes – der wahre Erbe seines humanistischen Vermächtnisses, das einfache Volk unter der Führung der Arbeiterklasse, nicht nur im Besitz der notwendigen Mittel, um diesen kostbaren, unerschöpflichen Schatz unserer nationalen Kultur zu heben und mit wissenschaftlichen Mitteln zu erschließen, sondern auch im Besitz der notwendigen wissenschaftlichen Theorie, der Theorie des Marxismus-Leninismus. Dieser allein ist die wissenschaftliche Waffe zur Erkenntnis der Bedeutung Goethes, zur Reinigung von den Verfälschungen und zur kritischen Scheidung des schöpferisch Fortwirkenden in seinem Werk von dem, was sich unter dem Alpdruck der deutschen Misere an Unfertigem, Halbfertigem, Halbem und Inkonsequentem bei ihm eingeschlichen hat.“

Ich mußte, als ich Wilhelm Girnus’ Doktorarbeit las, mir von Zeit zu Zeit vorstellen, daß Goethe heute lebte, als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik. Und dabei hatte ich immer das Gefühl, daß Bücher wie „Wilhelm Meister“, „Der west-östliche Divan“ oder der „Faust“ in der Bundesrepublik erscheinen dürften, nicht aber in der DDR. Wenn ich nicht ganz falsch informiert bin, sind lebende Individualisten, die auf ihre Weise für das Volk „leiden und streiten“ (falls Goethe etwas derartiges je getan hat), kommunistischen Regierungen leicht suspekt. Beate Paulus