Über eine Stunde lang standen die Leute geduldig in Münchens Schnee und Kälte, ehe sie in das Haus Reichenbachstraße 27 eingelassen wurden. Viele hatten klamme Finger, als sie nun ihre Unterschrift in ein Buch schrieben, das aufgelegt wurde „im Gedenken und zur Ehrung der sieben Opfer der Brandlegung im jüdischen Altersheim München am Abend des Freitag, dem 13. Februar 1970“. Bis zum Freitagmittag dieser Woche kann man hier sein Beileid bekunden.

Möglicherweise hätte es kein Kondolenzbuch gegeben, wenn das Anwesen Reichenbachstraße 27 irgendeines unter den vielen grauen Bürgerhäusern dieses Münchner Altstadtviertels wäre und es von zündelnden Kindern oder einem krankhaften „Feuerteufel“ in Brand gesteckt worden wäre. Man hätte es als tragisches Geschehnis im Alltag einer Millionenstadt wohl rasch vergessen.

Der Anschlag auf das Haus der israelischen Kultusgemeinde hat bei der Bevölkerung ein Maß der Bestürzung und Empörung hervorgerufen, das gewiß nicht mit alten Schuldkomplexen gegenüber den Juden allein erklärt werden kann. Man kennt inzwischen die dramatischen Ereignisse und Umstände in Einzelheiten. Zwei Minuten nach dem ersten Anruf (ein Mann aus dem Nachbarhaus vermutete Zimmerbrand) war der erste Löschzug zur Stelle. Die Feuerwehrleute fanden den ersten Toten im Hinterhof. Es war der 72 Jahre alte Max Blum, der vor etwa einem Jahr aus den Vereinigten Staaten nach München gekommen war, um hier seinen Lebensabend zu verbringen. Blum war aus einem Fenster im vierten Stock, wo das Feuer am stärksten wütete, gesprungen.

Unter den Erstickten und Verbrannten ist Siegfried Offenbacher, der gleich nach dem Krieg aus alter Anhänglichkeit nach München zurückgekehrt war. Die meisten der bei dem Brand ums Leben gekommenen fünf Männer und zwei Frauen waren Überlebende aus Konzentrationslagern, Fünfzig- bis Siebzigjährige. Es traf vorwiegend Menschen, die in vergangenen Zeiten sehr viel zu erleiden hatten und in denen die Erinnerung an brennende Judenhäuser noch wach ist.

An dem neunarmigen Leuchter – Staatssymbol Israels –, der hinter dem Kondolenzbuch steht, brennen acht Kerzen – die achte für Arie Katzenstein, den am Faschingsdienstag auf dem Flugplatz München-Riem eine arabische Handgranate zerfetzt hatte. Damit ist die Verbindung zu diesem Attentat hergestellt. Freilich nur symbolisch. Dort wie da sind Juden wieder einmal das Opfer, unmenschlichen Handelns. Während die Polizei die Riemer Ermittlungen inzwischen weitgehend abgeschlossen hat und hofft, über die Flughafentäter erfahren zu können, ob arabische Nationalisten auch mit dem Anschlag im jüdischen Altenheim in Zusammenhang stehen, hatte sie in diesem Fall bis zum Mittwoch lediglich einen 20-Liter-Aral-Benzinkanister vor sich. Einziges Beweisstück für die Brandstiftung in der Reichenbachstraße 27. Zwar gingen über hundert Hinweise ein, jedoch nur sehr vage. Sie führten zu keiner „heißen Spur“.

Die durch Beamte des Bundeskriminalamts verstärkte 55köpfige Sonderkommission tappte völlig im dunkeln. Die ersten Überprüfungen verdächtigter Araber und Deutscher verliefen erfolglos. Nach Tatortspuren gibt es keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß mehr als eine Person an der Brandstiftung beteiligt gewesen sein muß. War es ein fanatischer Araber – es sind in München rund 1300 gemeldet, und man schätzt, daß die gleiche Anzahl „schwarz“ hier lebt –, war es ein deutscher Extremist, ein Alt- oder Neo-Nazi, ein antisemitischer Psychopath? „Wir ermitteln nach allen Richtungen“, sagt die Polizei. Sie ist nur sicher, daß der Ölkanister, als er ins Haus der israelischen Kultusgemeinde getragen wurde, in braunes Packpapier eingewickelt war. Ein Fetzen davon wurde sichergestellt.

Alle Einrichtungen der israelischen Kultusgemeinde, der Dachauer Häftlingsfriedhof, Niederlassungen jüdischer Firmen, die El-Al-Büros – insgesamt rund dreißig Objekte und auch „einige Persönlichkeiten der Kultusgemeinde“ stehen in München und Umgebung seit vergangenem Samstag unter Polizeischutz. Viele jüdische Bürger wehrten sich bisher gegen eine derartige Sonderbehandlung, sie wollten (und konnten) sich fühlen wie jeder andere Bewohner der Stadt. Die Belohnung, die zur Ergreifung des (oder der) Attentäter führen, wurde von 50 000 über 75 000 auf 100 000 Mark erhöht – die höchste Summe in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte. Jüdische Vertreter brachten ihre Solidarität mit den demokratischen Kräften im Land zum Ausdruck. Der AStA der Münchner Universität sagte unter dem Eindruck des „verbrecherischen“ Anschlags eine geplante Demonstration gegen den Besuch des israelischen Außenministers Abba Eban ab, die am kommenden Samstag stattfinden sollte.

Nur Franz Josef Strauß blieb es vorbehalten, die Ereignisse auf seine Weise auszuschlachten. Er bezeichnete die Brandstiftung als das Ergebnis einer Politik (soll heißen die der SPD/FDP), die „das Verbrechen und die Kriminalität nicht mehr unter Kontrolle hat“, versäumte gleichzeitig aber nicht, den Juden telegraphisch mitzuteilen, daß er gleich nach Beendigung des traditionellen CSU-Fischessens im Schwabinger Bräu am Freitagabend noch zum Brandplatz gekommen sei. Es scheint schwierig geworden zu sein, die Sache mit Unbefangenheit zu betrachten. Kilian Gassner