Notfalls schreckt der Baron vor „Erpressung“ nicht zurück. Er will nicht, daß der Schwarze Peter im Streit um die Lebensmittelpreise der Grünen Front zufällt. Constantin Freiherr Heereman von Zuydtwyck beurteilt die „Schuldfrage“ offenbar ganz anders als Ernährungseinzelhandels-Primus Steffen, der vor der Grünen Woche in Berlin das Wort Erpressung in seinem Manuskript zwar überlas, dem Bundeswirtschaftsminister aber unverblümt vorwarf, er setze der unschuldigen Branche mit seinen Anzeigenhinweisen auf die mögliche Verbilligung von Butter, Brot und Marmelade nach Räuberart die Pistole auf die Brust.

Um dem Verbraucher zu geben, was des Verbrauchers ist, will der Bauernverbandspräsident notfalls eine eigene Lebensmittelhandelskette schmieden und mit ihrer Hilfe dem Konsumenten die Vorteile weiterleiten, die dem aufwertungsbedingten Nachteil der Landwirtschaft entsprechen, der Ermäßigung ihrer Erzeugerpreise. Freiherr Heereman, wie er zwecks Vermeidung von Zungenbruch genannt werden möchte, scheut sich also nicht, lieber berufsfremde Wege zu gehen, als sein Landvolk ungerechtfertigtem Zorn auszusetzen.

Die den Bauern jetzt so wohlwollende öffentliche Meinung könnte ins Gegenteil umschlagen, fürchtet er, wenn an Haushaltsplänen und Lebenshaltungsindices deutlich wird: Der Dank des Landes für bewilligte Ausgleichsmillionen, die billigere Ernährung, erreicht den Steuerzahler nicht. Die Bürger werden den Bauern böse sein, wenn, sie sich doppelt geschröpft sehen, wäre die Landwirtschaft am Versickern der Senkung der Ab-Hof-Preise bis zum Einkaufskorb der Hausfrau auch völlig schuldlos.

Ob seine Kleinst-, Mittel- und Großerzeuger samt ihren Absatzorganisationen alle ganz ohne Sünde sind und sich der Spannenausdehnung enthalten, mag der Bad Godesberger Jesuitenzögling und Agraringenieur (wie man ihn gemäß seinem Soester Höheren Landbauschulabschluß heute graduieren würde) selbst bezweifeln. Er verwaltet seit 15 Jahren das Gut Haus Surenburg seines Adoptivonkels in Riesenbeck, Kreis Tecklenburg. Zu Max Freiherr Heereman zog das am 17. Dezember 1931 in Münster geborene vierte Kind des Theodor Freiherrn Heereman und dessen Ehefrau Eliesabeth geb. Freiin von dem Bongart schon als Vierjähriger, nach frühem Tod der Mutter. Auf dem Betrieb von annähernd 800 Morgen hat er vor allem mit Grünlandwirtschaft, Milchkühen und Zuchtrinderexport Erfahrung gesammelt.

Dank dieser Kenntnisse kann es ihm kaum entgangen sein, daß die preissenkende Verbraucherfreundlichkeit der (meist landwirtschaftlich-genossenschaftlichen) Molkereien sich bislang in engen Grenzen hält. Erst die Aufwertungsabschläge der holländischen und dänischen Käseimporteure lassen die landwirtschaftlichen Milch- – verarbeitet jetzt langsam weicher werden. Wo Konkurrenz kaum zu befürchten ist, etwa auf dem Frischkäse-, Quark- und Joghurtmarkt, halten deutsche Bauern trotz der Verbraucherfreundlichkeit ihres Präsidenten anscheinend unbeirrt die alte Preisstellung.

Heeremans Appell an den Lebensmittelhandel offenbart: Der neue Präsident hat Gespür für politisches Handeln. Er sah sich das Geraufe zwischen Bonn und Kaufleuten um die Preisentwicklung an – und die Chance, die Verbraucher-seiner Freundschaft, ja Unterstützung zu versichern. Solche Art Verbandspolitik erscheint neu. Sie orientiert sich vom Markt her, nicht durch die grüne Brille.

Heeremans Programm, laut Verband neuer Stil, aber keine Kursänderung, ist mehr. Der Präsident, der am 19. Dezember – zwei Tage nach seinem 38. Geburtstag – Edmund Rehwinkel und dem knapp einjährigen Dreier-Interregnum der Vizepräsidenten Andres, Bauknecht, und von Feury folgte, will mehr als Interessent, will nicht bloß Sprecher der Bauern sein. Er sieht sich als Anwalt aller, die auf dem Lande wohnen, und als Fürsprecher der Verbraucher. Der im Vergleich zum Durchschnittsalter berufsständischer Präsidenten nahezu halbwüchsige Zwei-Meter-Westfale holländischen Einschlags wird den Kurs stärker ändern, als es bisher den Anschein hat. Er wird ihn ändern müssen, wenn er seinem Ziel nicht untreu werden will, das Leben auf dem Lande lebenswert zu machen, den Menschen und den Familien zu helfen, auch wenn er ihnen raten muß, der Landwirtschaft als Beruf und damit dem Bauernverband Lebewohl zu sagen.