Von Martin Gregor-Dellin

Die Krux eines angesehenen Autors ist, daß er eigenen Maßstäben und Ansprüchen gerecht werden soll. Das ist mehr als eine schöne Redensart; es bestimmt ganz einfach das Verhältnis zwischen Schriftsteller und Kritik. Eine heikle Sache für jeden: Erfolgen nachzulaufen oder sich immer wieder auf einen Nenner zu bringen, an dessen Entstehung man nicht ganz unschuldig ist.

Für Nossack bietet sich als Stichwort und Formel das Motiv der „unmöglichen Beweisaufnahme“ an, und mit einigem Recht ließe sich sagen, alle seine Bücher, oder doch die besten, seien die Explikation einer nicht gelungenen Beweisführung. Immer wird in Nossacks Büchern gefragt, wem denn eigentlich die Wahrheit gehöre, und selten wird diese Frage beantwortet.

Das Motiv der unmöglichen Beweisaufnahme ist im Grunde ein Märchenmotiv. Nossacks Helden leiden wie Märchenfiguren unter dem Alptraum, Antworten nicht so fixieren zu können, daß sie nicht noch weitere Fragen und Erklärungen offenließen: doch was ich weiß, das kann ich dir nicht sagen. Nossack selber hat die Märchen der Völker einmal als seine „wahre Heimat“ bezeichnet.

Tatsächlich ist das aus dem Roman „Spirale, Roman einer schlaflosen Nacht“ (1956) herausgelöste Buch „Unmögliche Beweisaufnahme“ für mich bis heute das Kernstück des Nossackschen Schaffens – und eines der großen Beispiele deutscher Nachkriegsliteratur – geblieben, unerreicht in seiner konzisen Form, seinem durchgehaltenen Verhörston, der immer auf die erste Antwort des Angeklagten hinausläuft, er könne sich „leider noch nicht entscheiden“.

Diese Unentschiedenheit des Tatbestands scheint auch Nossacks neuer Roman schon im Anfang andeuten zu wollen –

Hans Erich Nossack: „Dem unbekannten Sieger“, Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 200 S., 16,– DM.