Zwei Nonnen aus Nigeria waren die erstenTodesopfer der Seuche. Amerikanische Ärzte analysierten ihr Blut und bestätigten, was die Mediziner in Afrika bereits vermutet hatten: Erreger der Seuche war ein Virus. In monatelangen Testreihen suchten sie zu ergründen, welches Virus sie aus dem Blut der kranken Nonnen isoliert hatten – bis die Forscher endlich erkannten, daß sie mit einem neuen Krankheitskeim experimentierten. Die Ärzte nannten die bislang. unbekannte Infektionskrankheit „Lassa-Fieber“, nach dem nigerianischen Dorf, in dem sie erstmals auftrat.

Schließlich sahen sich die Wissenschaftler zu einer Entscheidung genötigt, die in der Geschichte der medizinischen Forschung ohne Beispiel ist: Die Ärzte Jordi Casals, Sonja Buckley und Wilbur Downs von der Yale-Universität teilten kürzlich mit, sie hätten alle Untersuchungen mit dem Lassa-Virus eingestellt. Der neuartige Krankheitskeim ist so gefährlich, daß er sich in den derzeit üblichen medizinischen Labors nicht bändigen läßt. Die Forscher mußten fürchten, mit ihren im Labor gezüchteten Viren eine unkontrollierbare Lassa-Fieber-Epidemie in den USA auszulösen.

Insgesamt erkrankten bisher fünf Menschen am Lassa-Fieber, und nur zwei überlebten. Als besonders heimtückische Eigenart des neuen Virus vermerkten die Mediziner: Es kann nahezu alle Organe des Körpers befallen; die Krankheitssymptome sind dementsprechend vielfältig und können von Patient zu Patient wechseln. Die Ärzte sahen bei ihren Patienten Mundgeschwüre, Hautausschlag mit kleinen Blutungen, Lungenentzündung, Herzinfektionen (die zum Herzversagen führen können) und Nierenschäden. Die Kranken klagten über heftige Muskelschmerzen, die in allen Körperpartien auftreten können; ihr Fieber stieg bis 42 Grad.

Die Geschichte des Lassa-Virus begann letztes Jahr, als eine Missionsschwester aus Lassa erkrankte und innerhalb von 24 Stunden starb. Eine Woche später brach die Krankheit bei einer ihrer Pflegerinnen aus; die zweite Patientin war nach zehn Tagen tot. Antibiotika hatten ihr nicht geholfen. Deshalb, so beschlossen die Ärzte in Nigeria, mußte der Erreger ein Virus sein, dem die bakterientötenden Antibiotika nichts anhaben konnten. Wieder eine Woche später war die dritte Schwester krank. Sie wurde nach New York geflogen und im Columbia Presbyterian Hospital isoliert, wo sie nach neun Wochen schließlich genas. In dieser Zeit nahm sie dreizehn Kilo ab und verlor fast alle Haare. Fünf Wochen lang mußte sie künstlich ernährt werden.

Inzwischen unternahmen die Mediziner Downs, Buckley und Casals an der Yale-Universität Tierversuche mit dem Virus. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen infizierte sich Casals. Um ihren Kollegen zu retten, spritzten sie Blutplasma der Ordensschwester, die kurz zuvor das Lassa-Fieber überstanden hatte, in seinen Kreislauf. In dem Blut der Schwester, so kalkulierten die Mediziner, mußten sich noch die Antikörper befinden, die ihr Organismus im Kampf gegen die Krankheit gebildet hatte. Tatsächlich war das Blut des Forschers unmittelbar nach der Injektion frei von Lassa-Viren. Die im Kreislauf des Kranken kreisenden Abwehrstoffe der Missionsschwester hatten die gefährlichen Keime getötet.

Danach setzte Casals seine Lassa-Virus-Experimente an der Yale-Universität fort. Im Dezember vergangenen Jahres freilich starb ein Labor-Angestellter nach kurzer und heftiger Krankheit. Als die Ärzte sein Blut analysierten, fanden sie Lassa-Viren. Die Forscher waren schockiert: Der Verstorbene hatte mit den Virus-Versuchen gar nichts zu tun. Die bisherigen Versuche zu erklären, wie das Virus den unbeteiligten Labortechniker erreichen konnte, faßte der Lassa-Forscher Dr. Downs so zusammen: „Wir wissen es einfach nicht.“

Mit einem Krankheitserreger, der so leicht alle Sicherungen durchbricht, mochten die Forscher nun nicht mehr arbeiten. Sie wollen ihre Versuche erst dann wieder aufnehmen, wenn ihnen ein besonders sicheres Speziallabor zur Verfügung steht. Nur noch eine Vorsichtsmaßnahme fiel dem Virologen Downs ein, um die Verbreitung des gefährlichen Keims zu erschweren. Er schickte Warnschreiben an medizinische Forschungslabors in Afrika. Peter Roese