Abenteurer werden enttäuscht – Seite 1

Von Karl-Richard Könnecke

Ich kannte einmal einen Mann, der lief tagelang durch Stockholm und suchte Venedig. Weder fand er das eine, noch sah er das andere. Der Arme war einfach das bedauernswerte Opfer einer albernen Venedig-des-Nordens-Reklame geworden. Denn im Gegensatz zu Venedig ist Stockholm natürlich unvergleichlich, schon die Andeutung eines Vergleichs wäre unpassend ... das bestätigt jeder Stockholmer.

Unvergleichlich ist auch Stockholms internationaler Flughafen Arlanda. Geographisch unerfahrene Mitteleuropäer bemerken nicht, daß das Flugziel Stockholm fast näher am Polarkreis als am Reiseziel Stockholm liegt. Also nehmen sie nach kontinentalem Brauch arglos ein Taxi in die Stadt – und das ist ihr erster Fehler auf schwedischem Boden. Sie merken es spätestens, wenn nach einer guten dreiviertel Stunde der Fahrer die Rechnung präsentiert: runde 50 Kronen. Solch ärgerliche Überraschung und ganze 42 Kronen erspart sich, wer mit dem fast ebenso fixen Linienbus für acht Kronen in dasselbe Stockholm fährt.

Unvergleichlich ist schließlich noch der hauptstädtische Donnerstag. Donnerstags ist Stockholm nämlich billig. Da ißt man die traditionelle Erbsensuppe, trinkt traditionell warmen (!) Schwedenpunsch dazu und beschließt das üppige Mahl mit kleinen, knusprigen pannkakor. Eingeweihte sagen übrigens dem unscheinbaren Restaurant am Värtahamn (kurz vor der Lidingöbrücke rechts ab) der Hauptstadt köstlichste Donnerstag-ärtsoppa nach.

Die City ist schnell "gemacht", weil ihr Reiz gegenwärtig größtenteils in Riesenbaugruben ruht oder hinter Baugerüsten schlummert. Stockholm verkaufe seine Seele um einiger Hochhäuser und unterirdischer Einkaufsinseln willen, behaupten stramme Konservative, denen die totalen Sanierungen zwischen Norrmalmstorg, Stureplan, Brunkebergstorg und dem alten Zeitungsviertel Klara gar nicht gefallen. In der Tat fressen sich Bagger und Sprengkommandos unaufhaltsam durch Häuser, Geschäfte, Straßen und sogar Granitberge – immer auf der Suche nach dem Stockholm von morgen.

Doch noch gibt es die Kungsgatan, gibt es die trotz ihrer Jugend schon legendäre Hötorgscity, und funktioniert die gewaltige Superellipse des ewig sommerlichen (weil überdeckten) Sergeltorges. Die Seele einer City ist zäher, als es ihre Kritiker wahrhaben wollen. Zwei Stunden Bummel, höchstens, dann weiß man das.

Haben Sie allerdings eine Schwäche für Shopping, dann verzichten Sie getrost auf das ganze restliche Stockholm. In der City erwarten die Freunde von erlesenem Kunsthandwerk, frecher Mode, von Silberschmuck, Glas, Keramik, Textilien, Sportartikeln oder hölzernen Dala-Pferdchen tagesfüllende (und brieftaschenleerende) Programme. Ein paar Adressen für den, der sich in Versuchung begeben will: NK (sprich: Enko) in der Hamngatan, die nicht minder anspruchsvollen Warenhauspaläste Åhléns in der Drottninggatan und PUB am Hötorg, Konsthandverkarna in der Master Samuelsgatan 2 und noch viele andere Läden auf beiden Seiten der Kungsgatan rings um die Hötorgscity, oder in der Biblioteksgatan, oder am Stureplan, und in der Birger Jarlsgatan.

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Wie immer und überall ist Kultur auch in Schwedens Hauptstadt das billigste Vergnügen; außerdem reichlich, reichlich vorhanden. Oper und Theater machen es zwar im Hochsommer den meisten Schweden nach und hängen ein Schild an die Haustür: Stängt för semester – Wegen Urlaub geschlossen, aber dafür bietet der Magistrat seinen Bürgern und Besuchern ein Gratisvergnügen hohen Ranges: Allabendlich finden in vielen Stockholmer Parks Freilichtaufführungen bekannter Theater-, Gesangs- oder Tanzensembles statt. Auskunft erteilen alle Litfaßsäulen. Und notfalls das deutschsprechende (Touristen-) Fräulein für alles: Telephon 22 18 50.

Wer weiter von ausgetretenen Kulturpfaden abweichen will, findet, verborgen in einem märchenhaften Garten, das gleichsam verzaubert wirkende Atelier des schwedischen Bildhauers Carl Eldh († 1954). Im Bellevuepark oberhalb von Brunnsviken gelegen, den schon der Troubadour Carl Michael Bellman vor zweihundert Jahren besungen hat, wartet es auf stille Kunstliebhaber.

Trotz der knappen Zeit sollte sich der Zwei-Tage-Gast wenigstens zwei der beiläufig 25 Museen Stockholms nicht entgehen lassen. Erstens das Moderna Museet auf Skeppsholmen (schräg gegenüber vom Schloß); hier ist immer Aktivität, Provokation, Milieudebatte und die jüngste progressive Kunst der Welt zu Hause. Wer Glück hat, wird Zeuge eines Happenings... wie etwa im vorigen Sommer, als sich das ehrwürdige Museumsgebäude mit losen Schaumstoffbergen in einen Riesentummelplatz für Stockholms Kinder umfunktioniert fand.

Zweitens gehört die Trutzburg des Nordiska Museet (Nachbar des Freilichtmuseums Skansen und des Vergnügungsparks Gröna Lund – beide auch nicht auslassen!) auf das Programm. Zu besehen sind unter anderem das Wams und das (ausgestopfte) Streitroß des uns so wohlbekannten Schwedenkönigs Gustaf Adolf aus den Tagen von Lützen und viele andere Lesebucherinnerungen an die großen Tage schwedischer Geschichte; außerdem die größte Sammlung nordischer Volkskunst.

Doch Kultur hin, Kultur her. Nicht nur in Museen und Galerien – aufs Wasser muß jeder, der Stockholm wirklich erlebt haben will. Buchen Sie einfach eine Sightseeing-Tour im Touristenschnellboot.

Individualisten, die Land und Leute näher kennenlernen wollen, empfehle ich eher eine ganz normale Kurzreise in die Schären. Zum Beispiel mit den gemütlich stampfenden Schärendampfern der Waxholm-Gesellschaft. Abend für Abend verlassen mit diesen Oldtimern Tausende von Sommer-Stockholmern ihre Stadt, um vom Anlegeplatz Blasieholmen aus zu ihren Familien in den Sommerhäusern, auf 1001 Inselchen zurückzukehren. Lustig, wie die alten Dampfer Brücke für Brücke antuckern, immer mehr Passagiere, vollgepackt mit Einkaufstüten und Kartons, über die schmalen Stege an Land entlassen. Das ist schwedischer Sommeralltag, wie ihn kein Heimatfilm besser erfinden könnte und wie ihn Touristenbroschüren selten schildern.

Ich weiß natürlich (und die Schweden wissen das auch), daß sich längst nicht jeder Stockholm-Besucher in erster. Linie von den baulichen Sehenswürdigkeiten dieser Stadt, von dem kulturellen Klima der Hauptstadt oder von der großartigen Natur ihrer Schärenlandschaft angezogen fühlt. Jedem besseren mitteleuropäischen Leinwandfreund und Illustriertenleser ist es ja seit langem geläufig, was es mit Stockholm und den Schweden (wobei er die Schwedinnen meint) auf sich hat. Da wimmelt es von Sünde und Verwerflichkeit am hellichten Tage, kein anständiger Mann ist gottlob seiner Tugend sicher und so weiter. So etwas will ausgekostet sein. Darum her mit dem Ticket nach Stockholm ...

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Dummerweise hält die Wirklichkeit nur wenig von dem, was pfiffige Filmer und Reklameleute der Welt weismachen. Weswegen ich meinen Privatfeinden aus boshafter Freude nie abrate, nach Stockholm des Abenteuers wegen zu reisen. Sie und ihresgleichen sind die einzigen, die aus der königlich-schwedischen Hauptstadt enttäuscht heimkehren. Sie haben im großen Treffpunkt Kungsträdgården zwar eine Heerschau junger und allerjüngster Schönheiten abgenommen, sie haben bei jedem Minirock (der hier so treffend Bergmansches kort-kort heißt) ein bißchen "Schweigen" oder Sjömansches "Neugierig – gelb" gewittert, auch kein Hehl draus gemacht... und dann gehen sie meist allein ins nächste Kino, um wenigstens im Bilde einen Zipfel schwedischer Sünde zu erhaschen. Das gibt es in Hamburg, Mainz oder Münster billiger und ebenso authentisch.

Wem es aber um Augenschmaus anderer Art geht, der findet in den kleinen Straßen zwischen Drottninggatan, Vasagatan und Kungsgatan oder in der Nähe der U-Bahnstation Slussen jene Sorte von Schrift- und Bildtum, die ihm im prüderen Vaterland versagt oder nur zu Schwarzmarktpreisen zugänglich ist. "Man spricht deutsch" ... aus gutem Grund.

Swinging Stockholm – vor ein paar Jahren wäre man ob solcher Vermutung in der kühlen nordischen Metropole verlacht worden. In der Tat hat sich in Stockholms Vergnügungswelt einiges geändert. Es wimmelt von Pubs, einer englischer als der andere, und wer der Landessprache mächtig ist, tut gut, vorher vorsichtshalber anzufragen: Do you speak Swedish?

Diskotheken, schummrige Beat- und Jazzkeller, neuerdings auch Drugstores (zum Beispiel am Stureplan) schießen wie Pilze aus dem Boden. Besonders viele gibt es in der Altstadt zwischen Schloß und Slussen. Übertriebenen Erwartungen sollten sich freilich reifere Jahrgänge in diesen jüngsten Swinging-Lokalen nicht hingeben. Die fröhlichen Junggäste lassen alles über 23 als Opa oder Tantchen souverän links liegen.

Darum aber nicht gleich verzagt. Wer will, vergnügt sich trotz hohen Alters woanders auch noch gut (und wird sogar akzeptiert). Vielleicht in Schwedens ältester Apotheke am Kornhamnstorg in Gamla Stan – die heute Pub mit dem schönen Namen "Engelen" ist, schärfere Medizinen bereithält und sogar eine hauseigene Sauna auf der Speisekarte hat! Oder in Frati’s kühlen Gewölben am Stortorget oder in Den Gyldene Freden oder im Aurora-Keller oder im berühmten Operakällaren hinter der Oper (wo Sie Gast des Königlichen Hoftrakteurs Tore Wretman sind und entsprechend zahlen) oder in den drei bis vier Dutzend anderer Lokale, die in den Stadtbroschüren und im zuverlässigen Führer This week in Stockholm viel ausführlicher präsentiert sind.

Zwei Tage sind aber zu kurz, als daß man sich pausenlos kulinarischen oder geselligen Freuden hingeben sollte. Die Liste der Sehenswürdigkeiten ist ohnehin kaum zu bewältigen.

Schloß, Park und Rokoko-Theater Drottningholm ... wer ein paar Stunden dafür freihält oder gar ein Opernbillett ergattert, bereut das nicht! Im Schneilift auf den 155 Meter hohen Kaknäs-Fernsehturm im Djurgarden... bestes Stadtpanorama für zwei Kronen! Das Stadthaus stolz und bekannt als Rahmen für das jährliche Festdiner anläßlich der Nobelpreisverleihung! Das moderne Groß-Stockholm: Mit der schnellen tunnelbanan (U-Bahn) einen Abstecher zum Wohnsatelliten Farsta oder zum jüngsten und umstrittensten Stadtsproß Skärholmen... das gehört zum Kapitel "Dynamisches Wohlfahrtsland Schweden", und wer wollte das überschlagen? Oder ein Besuch in Strindbergs "Rotem Zimmer" und damit in einer Institution des Vergnügungslebens von Stockholm, in der Plüsch- und Palmenwelt von Berns Salonger im Berzelipark... gönnen Sie sich das. Verzichten Sie dafür lieber auf das olle Kriegsschiff Wasa ... es könnte Sie in natura enttäuschen wie mich.

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Was immer Sie nun wählen oder verwerfen, für eine Attraktion Stockholms muß die Zeit noch reichen – für Gamla Stan. Wer die Alte Stadt zwischen den Brücken nicht durchstreift hat, der kennt das Herzstück der Stadt nicht. Und er hat auch versäumt, dem ersten Bürger von Gamla Stan seine schuldige Reverenz zu erweisen. Dieser erste Bürger heißt Bernadotte, bekannter unter dem Namen König Gustaf VI. Adolf von Schweden, sein Schloß ist das größte Eigenheim in der Altstadt. Wenn Sie noch ein weiteres Stündchen erübrigen können, schauen Sie doch mal rein.

Heute ist die Altstadt eine begehrte Adresse für allerlei Künstler und andere Prominente. Boutiques, Kellerlokale, Kunsthandwerkerstübchen und Antiquitätenläden gibt es mindestens vier Dutzend. Die Västerlånggatan, Hauptstraße von Gamla Stan, gehört zu den belebtesten Einkaufsstraßen Stockholms und irgendwo links rauf beginnt Stockholms schmälste Gasse: Märten Trotzig-Gränd, an ihrer engsten Stelle ganze 90 Zentimeter breit.

Jenseits des Verkehrskarussells Slussen beginnt ein anderes Stockholm, die südlichen Stadtteile, kurz Söder genannt. Söder sollte man zu Fuß erkunden. Über den pittoresken Mosebacke-Torg zur Katarina-Kirche, vorbei an alten roten Holzhäusern, die jetzt renoviert und von Künstlern bewohnt sind, bis zum Asöberget – und dann die große Stadt Stockholm mit all ihren Schönheiten und den Saltsjön zu Füßen.

Auf die Idee "Zwei Tage in Stockholm" ist das dortige Touristenbüro noch nicht gekommen. In richtiger Einschätzung des Wertes der Stadt fängt es gar nicht erst unter vier Tagen an – die aber gibt es billig: Vier Tage mit drei Übernachtungen im Hotel guter Klasse plus Frühstück und Besichtigungsgutscheinen für ganze 67 Mark. Wer sagt da noch, daß Stockholm neben Paris und New York die teuerste Stadt der Welt sei? Höchstens der Nichtsahnende, der im Restaurant à la carte speist statt das preiswertere, aber selten schlechtere Dagens rätt zu wählen. Und höchstens noch der Gutgläubige, der ohne prüfenden Blick auf die Preise Whisky, Cognac oder Champagner in einem Land bestellt, das zum Alkohol ein – nun, sagen wir milde: gestörtes Verhältnis hat und diese Neurose mit deftigen Strafsteuern behandelt.