Von Dietrich Strothmann

Hannover, im Februar

Noch vor seinem 70. Geburtstag im September rüstet sich Georg Diederichs, Niedersachsens sozialdemokratischer Landesfürst, zum Abschiednehmen von Amt und Würden. Er denkt, während er in der hannoverschen Staatskanzlei seine letzten Regierungsgeschäfte erledigt und – wie es schon immer seine Gewohnheit war – in den Mußestunden Verse schmiedet zu Ehren Eugen Roths oder zur Koalitionsmisere im eigenen Hause, an die Jahre auf dem Altenteil in seinem Haus im Stadtteil Laatzen am Messegelände, mit Blick auf das Leinetal. "Ich werde philosophieren, Zeit genug haben, Bücher nicht mehr nur zwischen fünf und sieben Uhr morgens zu lesen, mich um meine Tauben kümmern."

Während sich draußen, in den Parteizentralen der geschiedenen Regierungspartner SPD und CDU, die Politiker gegenseitig Vorwürfe machen und um die Schützenhilfe der FDP buhlen, ist der gelernte Apotheker und Volkswirt Georg Diederichs dabei, nach neun Jahren Ministerpräsidentschaft endgültig der Politik Valet zu sagen. Seinen Abgang hatte er sich freilich anders, normal vorgestellt: 1971, nach den nächsten Landtagswahlen, wollte er Krone und Zepter seinem Parteifreund und gegenwärtigen Finanzminister Alfred Kubel übergeben. So war es längst abgemacht. Nun aber, nach dem unprogrammgemäßen Bruch der Großen Koalition im Leineschloß von Hannover, gerät sein Terminplan durcheinander. Was in den nächsten Wochen auch geschehen mag – ob ihn die CDU mit Hilfe der FDP durch ein konstruktives Mißtrauensvotum und durch eine Kleine Koalition zu Fall bringt oder ob die von der SPD geforderten Neuwahlen abgehalten werden –, Diederichs wird vorzeitig seinen Hut nehmen.

Heute bereits ist er nur noch Regierungschef auf Zeit. Er hat nicht einmal mehr einen bestimmenden Einfluß auf die Koalitionsgespräche, die in diesen Tagen mit der FDP beginnen werden. Die Verhandlungsgruppe seiner Partei, die wie zur Täuschung "Beobachterkommission" getauft wurde, wird von Egon Franke angeführt, dem Landesausschuß-Vorsitzenden und Bonner Minister für innerdeutsche Beziehungen. Diederichs gehört ihr gar nicht an. Er hat im Grunde nur noch seinen Abgang vorzubereiten. Er tut das gelassen, ohne Zorn und Resignation. Er weiß, daß er gehen muß.

Sein Koalitionspartner von gestern, die CDU, wirft ihm vor, er habe sich das alles selber zuzuschreiben; er indessen gibt seinen Gegnern von heute, derselben CDU, die Schuld daran, daß sie nun, nach knapp fünfjähriger harmonischer Ehe, getrennt sind von Kabinettstisch und Regierungsbank. Beide hatten in den letzten Monaten, ehe es zum endgültigen Bruch kam, hoch gespielt, scharf gegeneinander gereizt der eine mit moralischen Argumenten, der andere aus taktischen Motiven. Das Drama dieser Scheidung auf niedersächsisch wurde gelegentlich auf hoher Bühne, zuweilen aber auch auf Hintertreppen aufgeführt. Zumindest bei der CDU spielten parteiinterne Rivalitäten und eigensinnige Provokationen eine Rolle. Männer und Machtinteressen trugen dazu bei, daß sich die Koalitionskrise über den Konflikt zur Kollision steigerte. Das Ende waren Schimpf und Scherben.

Schuld an allem ist der Regierungswechsel in Bonn. Der glücklose CDU-Chef Kiesinger hatte den Bundesrat zum Schauplatz gewählt, um der linksliberalen Koalition zu schaden. Hier, in der Länderkammer, wo die CDU vor der SPD knapp mit 21 gegen 20 Stimmen führt, sollte nach seinem erst kürzlich wieder bekundeten Willen Obstruktionspolitik gegen Brandt und Scheel betrieben werden. Und da obendrein eine Zeitlang die Gefahr bestand, daß die CDU-Herrschaft im Saarland gebrochen und das Stimmenverhältnis im Bundesrat zugunsten der Sozialdemokraten verschoben werden könnte, wurde Hannover dazu ausersehen, die Vormacht der Union zu wahren.