Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Februar

Wann ist denn der Alliierte Kontrollrat gestorben? Das war noch in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre, so sprach der SED-Vorsitzende Walter Ulbricht kürzlich in seiner Pressekonferenz. Aber der Kontrollrat ist nicht tot. In einem riesigen Gebäude, Neubarock von 1913, hinter dem ehemaligen Küchengarten des Großen Kurfürsten – der jetzt Kleistpark heißt –, führt er ein Dornröschendasein. Einige seiner Organe, die Luftsicherheitszentrale und das alliierte Reisebüro, sind freilich noch immer funktionsfähig.

Nun will sogar die Sowjetunion dem Kontrollrat erneute Reverenz erweisen. Mit ihrem Vorschlag, die von Außenminister Gromyko angeregten Berlin-Gespräche im Kontrollratsgebäude stattfinden zu lassen, möchte sie wieder eine Viermächteverantwortung demonstrieren – doch soll diese Verantwortung auf West-Berlin begrenzt bleiben. In Berlin wird erzählt, die Sowjets hätten das Gebäude bereits inspiziert.

Auch die Westalliierten scheinen nicht abgeneigt, im alten Kontrollratsgebäude über Berlin zu verhandeln. Im gleichen Gebäude, vor dem wie in früher Besatzungszeit noch immer das Herumstehen verboten ist, hat bereits 1954 die Außenministerkonferenz der vier Mächte stattgefunden. Um aber die Gültigkeit des Viermächtestatus für ganz Berlin zu demonstrieren, wollen die Alliierten wenigstens auch ab und zu in Ost-Berlin mit den Sowjets zusammentreffen.

Sollte auch diesmal das Kontrollratsgebäude als einer der Tagungsorte ausgewählt werden, dann wäre allerdings zunächst ein gründlicher Frühjahrsputz fällig. Denn von den 500 Räumen des ehemaligen Kammergerichts in der Schöneberger Elßholzstraße werden nur noch einige Dutzend Zimmer benutzt. Wo vor mehr als 25 Jahren Volksgerichtshofpräsident Freisler tobte, ist es jetzt still und staubig. Die letzte Renovierung liegt sechs Jahre zurück. Benutzbar ist derzeit nur noch das untere Stockwerk. Berlins Richter schauen seit langem begehrlich auf die leerstehenden Zimmerfluchten, aber die Westalliierten haben wiederholt erklärt, daß eine Freigabe des Gerichtsgebäudes aus grundsätzlichen Erwägungen nicht möglich sei. An den Resten der Viermächteverwaltung halten sie beharrlich fest.

Deshalb ist es auch nicht denkbar, daß sie einer Auflösung des alliierten Reisebüros zustimmen. In der NATO wird zwar gegenwärtig auf Initiative Dänemarks darüber beraten, aber ein Ergebnis werden diese Beratungen wohl kaum haben. Das umstrittene Allied Travel Board, befehdet vom Osten, unterlaufen vom Westen, wird weiter anachronistisches Symbol einer verzwickten Situation bleiben. DDR-Bürger, die in NATO-Länder oder nach Australien (das sich dieser Regelung angeschlossen hat) wollen, brauchen ein alliiertes Reisepapier, denn die Pässe ihres nicht anerkannten Staates gelten nicht als gültige Dokumente.

Wer heute zum alliierten Reisebüro will, muß durch eine schwere Eichentür. Dahinter hockt ein Wachmann, und wer ihm nicht glaubhaft machen kann, daß er ein Temporary Travel Document braucht, den läßt er nicht vorbei. In die weiteren Räume gelangt nur Ulbrichts mittlere Funktionärsgarde. Die hohen Funktionäre, wie Hermann Axen und Herbert Warnke, Albert Norden und Kurt Hager, ignorieren dieses Reisebüro, das die SED für völkerrechtswidrig erklärt hat. Sie finden andere Wege nach Rom und Paris. Nachlässige Zöllner und nachsichtige Regierungen lassen manches Schlupfloch durch den NATO-verbindlichen Cordon sanitaire. Kleine Genossen und minderberechtigte DDR-Bürger schließlich können keine Einreise in ein NATO-Land beantragen, weil die DDR ihnen die Ausreise verweigert. Selbst reisefreudigen Rentnern hat die DDR das Betreten des Travel Board verboten.

Bis zum Mauerbau im August 1961 ging es etwas großzügiger zu. Private Reisen ins westliche Ausland wurden auch von der DDR toleriert, so daß das alliierte Reisebüro jährlich rund 15 000 Anträge zu bearbeiten hatte. Nach dem 13. August wurden zunächst nur rund 3000 Reisegenehmigungen im Jahr erteilt. Die DDR ließ weniger Leute reisen, und das Travel Board erteilte keine Genehmigungen mehr für Funktionäre, die für Ideologie und Ansehen der DDR werben sollten. Selbst Sportler und Künstler durften nicht mehr in NATO-Länder. Es waren fast nur noch Handelsfunktionäre, denen die Einreise bewilligt wurde. Auf die kulturellen Darbietungen des Brecht-Ensembles mochten die NATO-Staaten verzichten, auf den Osthandel nicht.

Auch im Westen begann sich Kritik an der Praxis des Travel Office zu regen, vor allem in den skandinavischen Staaten. Erleichterungen wurden beschlossen: Es durfte jeder reisen, der sich mit politischen Aktionen zurückhielt. Aber mancher Regierung paßte es nicht, daß ein alliiertes Büro darüber bestimmte, wer in ihr Land einreiste. Es wurden Ausnahmegenehmigungen erteilt, und immer öfter wurde Unmut laut, wenn das Travel Board eine Reisegenehmigung verweigerte, obwohl das Einreiseland keine Einwände erhoben hatte. Seit Mitte vorigen Jahres wird deshalb grundsätzlich die Reisegenehmigung erteilt, wenn die Behörden des Landes, in das die Reise gehen soll, dies wünscht.

Während 1966 noch 7000 Reisegenehmigungen ausgegeben und 78 abgelehnt wurden, ist die Zahl der Genehmigungen im letzten Jahr um rund 20 Prozent höher gewesen, und nur noch ganz vereinzelt werden Reiseanträge abgelehnt. Die Reisepapiere gelten für fünf Jahre, wenn sie alle sechs Monate verlängert werden. Das Allied Travel Board ist heute keine Behörde mehr, die entscheidet, wer in NATO-Staaten einreisen darf. Sie stellt nur noch Reisepapiere für DDR-Bürger aus, deren Pässe von den meisten NATO-Staaten ebensowenig anerkannt werden, wie beispielsweise die DDR die Pässe der West-Berliner anerkennt. Nur die Dänen haben inzwischen beschlossen, daß sie die Einreisegenehmigung selbst in die DDR-Pässe stempeln wollen. Eine Auflösung des Allied Travel Board lehnen die Alliierten dennoch strikt ab, denn dies hätte eine weitere Auszehrung der alliierten Verantwortlichkeit in Deutschland zur Folge.

Wichtigste Behörde im Kontrollratsgebäude ist die Alliierte Luftsicherheitszentrale, denn in ihr arbeiten auch die Sowjets noch mit. Sie verhalten sich zwar manchmal wie Beauftragte der DDR; wenn Flüge westlicher Maschinen in den Luftkorridoren angemeldet werden, sagen sie: "Die DDR hat den Flug genehmigt." Aber unstreitig ist, daß das Luftsicherheitsamt, das genau im Schnittpunkt der Mittelachsen der drei Luftkorridore liegt, eine alliierte Dienststelle ist. Je acht Amerikaner, Russen, Engländer und Franzosen arbeiten hier in drei Schichten gemeinsam. Die Kontrollzentrale ist in Zimmer 179, sie hat direkte Telephonverbindung nach Ost-Berlin. Daneben sind Aufenthalts- und Ruheräume, "Off limits for unauthorized personnel".

In den ruhigen Nachtstunden gibt es internationale Schach- und Tischtennisturniere. Vor zehn Jahren haben die Sowjets noch aus Spaß die Flugdaten eines Sputniks übergeben, der über die Luftkorridore hinwegflog. Seit 1962 melden sie überhaupt keine Flüge mehr an. Aber die Genehmigung für westliche Flüge ist noch nie verweigert worden, auch nicht während der Blockade Berlins. Aus der alliierten Postabrechnungsstelle, die sich ebenfalls im Kontrollratsgebäude befindet, zogen die Sowjets allerdings schon 1955 aus. Ende 1966 stellte auch der Vertreter der DDR-Post seine Mitarbeit ein, doch besteht die Abrechnungsstelle, die für den Ausgleich von Auslandsgebühren zuständig ist, nach wie vor.

Ein großes Haus, so leer und so versteinert wie der Viermächtestatus selbst. Wird es noch einmal zum Leben erwachen? Werden sich die schmiedeeisernen Gittertore öffnen für die schwarzen Wagen von Ministern und hohen Regierungsbeamten? Für die Westalliierten ist das Kontrollratsgebäude ein Symbol des Viermächtestatus. Die Sowjets scheinen ähnlich zu denken. Es ist wahrscheinlich, daß sich die vier Mächte darauf einigen, hier wieder einmal über Berlin zu sprechen.