Zugegeben: die Bemerkung war alles andere als sanft. Zugegeben auch, daß ihr Autor in letzter Zeit mehrmals gezeigt hat, wie er zunächst mit Klugheit und Sachverstand die Rolle der Musik und der Musikerziehung in unserer Gesellschaft zu analysieren versteht, um dann die Erkenntnis so überspitzt zu formulieren, daß er anschließend einiges revozieren muß.

In der Anthologie „Kritik/von wem/für wen/wie“ des Hanser Verlags hatte Konrad Boehmer, 28 Jahre alt, Doktor der Musikwissenschaft, Komponist, Musikredakteur bei der holländischen Wochenzeitung Vrij Nederland, den Komponisten Werner Egk bezeichnet als „eine der übelsten Figuren der nationalsozialistischen Musikpolitik“. Egk erwirkte eine Einstweilige Verfügung; mit Rücksicht auf die siebzehn Mitautoren ließen Verlag und Autor die Bezeichnung in den Restexemplaren schwarz Überdrucken.

Doch die Presse stieg in den Fall ein. Fred K. Prieberg in der ZEIT und der Spiegel stellten dir, mit welchen objektiven historischen Fakten Boehmer seinen inkriminierten Satz begründen konnte; Boehmer selber schrieb in seiner Zeitung über den ehemaligen Leiter der „Fachschaft Komponisten“ in der „Reichsmusikkammer“. Wieder eine Einstweilige Verfügung, Widerspruch, jetzt Verhandlung vor dem Münchner Landgericht. Endergebnis: Boehmer erklärt, er habe keineswegs die Absicht gehabt, Egks Ehre anzutasten; verpflichtet sich, die Behauptungen nicht aufrechtzuerhalten oder zu wiederholen; übernimmt die Kosten des Verfahrens.

Das sieht nach einer kompletten Niederlage Boehmers und einer glänzenden Rehabilitierung Egks aus – es zeigt lediglich, daß die Wahrheiten von gestern zu beschreiben heute die Notwendigkeit ganz besonderer Sorgfalt in der Formulierung bedeutet. Konrad Boehmer darf nicht behaupten, Egk sei Mitglied der Reichsmusikkammer gewesen – denn der Komponist besaß nur einen vorläufigen Mitgliedsausweis, was offensichtlich wichtiger war als die Tatsache, daß Egk die „Fachschaft Komponisten“ in dieser Reichsmusikkammer leitete. Boehmer darf weiter nicht behaupten, Egk habe den Auftrag erhalten, die Musik auf einen zu Hitlers Geburtstag bestellten Text von Josef Weinheber mit einer Apotheose Hitlers zu schreiben – Egk hatte „Die hohen Zeichen“ 1939 nur (freiwillig?) komponiert und am Vorabend von Hitlers Geburtstag im Reichssender Leipzig selber dirigiert.

Werner Egk hat im Dritten Reich weder getötet, noch ging er selber aufs Schafott, er war nur ein Mitläufer. Aber nicht eigentlich um die Bewältigung der Vergangenheit Egks geht es in diesem Fall, sondern um die eventuelle Stärke Egks, sich wenigstens heute aus jenen Positionen und Institutionen herauszuhalten, die das aktuelle Musikleben fördern wollen, die aber durch Männer wie Egk allenfalls brüskiert und in ihrer Wirksamkeit gehemmt werden.

Denn über den Streit ist der wahre Anlaß so gut wie vergessen worden. Die beanstandete Formulierung war in folgenden Satz eingebaut: „Wer sich erinnert, mit welchen Methoden kürzlich Werner Egk ... versuchte, den Münchener Musica-Viva-Konzerten die Gurgel umzudrehen, der kann ermessen, wie weit dieser Schlag von Leuten – durch die offizielle Musikkritik gedeckt – inzwischen wieder von den alten Methoden Gebrauch zu machen sich erdreistet.“ (Für die in der Sache nicht Orientierten hatte er eine Fußnote zugefügt: „Den für den Etat dieser Konzerte – nicht aber für ihre künstlerische Qualität – Verantwortlichen führte Egk das Tonband eines Ligeti-Werkes vor, um den Ahnungslosen drastisch klarzumachen, daß der Terror solch groben Unfugs nicht mehr geduldet werden könne.“)

Weder scheint der Präsident des Deutschen Musikrates und führende Funktionär des Deutschen Komponistenverbandes, der Aufsichtsratsvorsitzende der GEMA, das Mitglied des Münchner Rundfunkrates Werner Egk seinen Einfluß damals anders geltend gemacht zu haben, noch muß den Gremiumsmitgliedern die ganze Infamie einer solchen Einflußnahme bewußt geworden sein: Einsprüche wurden nicht laut, der Etat der Musica Viva wurde gekürzt, die Zahl der Konzerte eingeschränkt.

Merke: Weder ein solch ehrenwertes Verhalten noch die Beschreibung dessen ist heute gefährlich. Vor den Kadi kommt nur, wer das im Prinzip Richtige mit falschen Formulierungen über eine Zeit berichtet, in der jeder Mensch ein Widerstandskämpfer war. Heinz Josef Herbort