/ Von Karl-Heinz Janßen

Ein Wort des Kanzlers elektrisierte den Bundestag. Die Fraktionsführer der CDU/CSU riß es förmlich von den Sitzen. Es drohte die Debatte über die Regierungserklärung Willy Brandts zu sprengen. Ein Wort: „Hugenberg.“

Willy Brandt hatte sich über die Schlagzeilen des „Bayernkuriers“ aufgeregt, der ihn des Ausverkaufs nationaler Interessen bezichtigte. „Dies“, meinte er, „stellt Hugenberg in den Schatten.“ Ein paar Monate später, als sich die SPD und Staatssekretär Ahlers mit der Springer-Presse anlegten, geisterte das Hugenberg-Gespenst wieder durch die Diskussionen. Schon einmal, so tönte es aus vielen Ecken, habe eine mächtige Konzernpresse eine Republik in den Abgrund getrieben und deutsche Verständigungspolitik als „Landesverrat“ abgestempelt.

„Der Hamster“

Was steckt nun eigentlich hinter der Hugenberg-Legende? Es muß zu denken geben, wenn sogar der sozialdemokratische Kanzler findet, „daß gewiß auch dieser Politiker der Weimarer Zeit eine nuanciertere Beurteilung verdient haben könnte, als sie einem manchmal selbst unterläuft“. Willy Brandt hätte einen seiner Vorgänger zitieren können, den Reichskanzler Heinrich Brüning, der, obschon ihm der deutschnationale Oppositionspolitiker Hugenberg übel genug mitgespielt hatte, dem Gegner von einst nach dem Kriege bescheinigte, er habe „niemals vom Standpunkt der politischen Moral verwerfliche Methoden bei der Verfolgung seiner politischen Ziele genommen“. Der Detmolder Entnazifizierungsausschuß schließlich hat 1950 den 85jährigen ehemaligen Pressemagnaten und ersten Wirtschaftsminister Hitlers in die Kategorie V – Entlasteter – eingestuft.

Geheimrat Alfred Hugenberg macht es seinen Biographen schwer, seine Persönlichkeit zu fassen. „Hugenberg ist kein Mensch, sondern eine Mauer“, sagte jemand über den sturen, zugeknöpften Niedersachsen, der es vorzog, hinter den Kulissen.seine Fäden zu ziehen. Der gelernte Jurist und Volkswirt und ehemals königlichpreußische Beamte besaß alle Qualitäten eines modernen Industriemanagers, den seiner äußeren Erscheinung nach niemand in ihm vermutet hätte: klein, unscheinbar, mit wilhelminischem Schnurrbart und Hindenburg-Haarschnitt und angezogen, „als müsse er eine Familie von fünf Köpfen mit dem Gehalt eines zweiten Buchhalters ernähren“ (Curt Riess). Der Berliner Volksmund gab ihm den hintersinnigen Beinamen „der Hamster“, seine Gegner nannten ihn verächtlich „die Spinne“, seine alldeutschen Freunde aber sahen in ihm den „zweiten Bismarck“. Der an preußische Sparsamkeit gewöhnte Hugenberg war Pfennigfuchser und Finanzgenie in einem, aber Macht hat ihm immer mehr bedeutet als Geld.

In der vorzüglichen Dissertation der Journalistin Valeska Dietrich wird Alfred Hugenberg als der erste deutsche „Manager in der Publizistik“ vorgestellt, mächtig nicht durch Eigentum an den Produktionsmitteln, sondern kraft seiner Funktion. Er hatte frühzeitig erkannt, daß dem kapitalistischen Großkonzern die Zukunft der Presse gehört. In das Pressewesen freilich geriet der fünfzigjährige erste Vorsitzende des Krupp-Direktoriums eher durch Zufall. Die preußische Regierung suchte 1915 – in aller Diskretion, versteht sich – einen finanzstarken Käufer für den kaisertreuen, vaterländisch gesinnten Scherl-Verlag, der vom Konkurs bedroht war und dessen Anteile nicht den liberalen Berliner Großverlagen Ullstein und Mosse in die Hände fallen sollten. Hugenberg, der als Vorsitzender des Bergbau-Vereins an einer Schaltstelle saß, von der aus er den Strom der industriellen Spendengelder an vaterländische Vereine dirigierte, brachte für den Ankauf an der Ruhr 6,1 Millionen Goldmark auf und wechselte alsbald in den Verlag über, wo er den Vorsitz im Aufsichtsrat übernahm.