Das Telephon im Eigenheim des neuen Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Dr. August Kirsch, in Bensberg-Refrath vor den Toren Kölns hält vor allem die Verbindung zum alten Präsidenten aufrecht. "Max ruft meistens kurz nach 22 Uhr an. Dann ist er von seinen Krankenbesuchen zurück." Wer glaubt, der Kasseler Internist sei auf ein totes Gleis geschoben, der irrt. Ehrenpräsident Danz bleibt Vorstandsmitglied mit Stimmrecht, ist DLV-Vertreter im Internationalen Leichtathletikverband (IAAF), Vorsitzender der IAAF-Doping-Kommission und einiges mehr ...

August Kirsch hält diese zumeist repräsentative internationale Tätigkeit seines Vorgängers für sinnvoll, "weil wir in den großen Richtlinien einer Meinung sind. Im anderen Falle wäre die Situation unerträglich".

Der neue Präsident wehrt sich gegen die Treibjagd auf die Männer der ersten Stunde. Der Inhalt so manchen Gesprächs zwischen Bensberg und Kassel läßt sich in die Formel fassen: "Wir müssen daran festhalten!" Das bezieht sich allerdings nur auf bestimmte Prinzipien und bedeutet nicht etwa eine Absage an längst fällige Reformen. "Mir tut es richtig gut, wenn die Presse von der neuen jungen DLV-Führung berichtet", sagt der 44jährige August Kirsch, "auf diese Weise werden die Relationen etwas zurechtgerückt. Gegenüber dem 61jährigen Dr. Danz gelte ich als jung; meine 17jährige Tochter hält mich für uralt."

Im Gegensatz zum Mediziner Dr. Danz verfügt der Pädagoge Dr. Kirsch, der seit 1964 an der Sporthochschule in Köln die Methodik der schulischen Leibeserziehung lehrt, über eine sportwissenschaftliche und verwaltungstechnische Ausbildung. An der Universität Köln hatte er nach Kriegsende die Fächer Geschichte, Latein und Englisch belegt, "einfach weil ich in diesen Fächern im Abitur eine Eins hatte und hoffte, es damit zu schaffen". Im Frühjahr 1947, als die Sporthochschule ihre Arbeit begann, entschloß sich der damalige Leistungssportler (400-Meter-Bestzeit: 49,7 Sekunden), sein sportliches Hobby zum Beruf zu machen, und tauschte Latein gegen Sport. 1948 gewann er in der 4×400-Meter-Staffel von Rotweiß Oberhausen die Deutsche Meisterschaft. 1950 war August Kirsch Diplomsportlehrer, machte ein Jahr später das Erste Staatsexamen und promovierte während der Referendarzeit mit einem sportlich gefärbten historischen Thema: "Franz Lieber. Turner, Freiheitskämpfer und Emigrant. 1790 bis 1830." Lieber war ein Jahn-Schüler, der nach den USA auswanderte, um dort das Jahnsche Turnen einzuführen; er blieb erfolglos.

Nach Abschluß des Zweiten Staatsexamens folgte ein zwölfjähriger Schuldienst am Kölner Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, bevor August Kirsch dann als Dozent zur Sporthochschule ging, an der er seit 1950 schon einen Lehrauftrag für schulmethodische Übungen innehatte.

Warum nimmt ein beruflich voll ausgelasteter Mann zusätzlich ein anstrengendes Ehrenamt auf sich? Er antwortet: "Das erklärt sich zunächst aus einem tiefen Engagement in der Sache. Ich glaube bestimmte Führungsqualitäten zu haben, die mich dazu bringen, Verantwortung zu übernehmen. Das ist eine Veranlagung. Es fing schon in der Studienzeit an, als ich vier Jahre AStA-Vorsitzender der Sporthochschule war; gegenwärtig bin ich Vorsitzender der Fachleiterversammlung an der Sporthochschule. Mir obliegt die Koordination von 63 hauptamtlichen Sportlehrern."

Er hätte ohnehin in Kürze eine Führungsposition im Sport übernommen. Daß er jetzt ausgerechnet DLV-Präsident geworden ist, lag freilich nicht an seiner Zielsetzung, sondern eher an einer gewissen Ratlosigkeit der Delegierten auf dem Verbandstag in Saarbrücken, die keine anderen geeigneten Bewerber fanden. "Es ist sehr schwer", sagt der mit 91 von 135 möglichen Stimmen gewählte Präsident, "Leute zu finden, die eine entsprechende Ausbildung haben, über Erfahrung in der praktischen Verbandsarbeit verfügen und einen Beruf ausüben, der eine derart zeitraubende ehrenamtliche Tätigkeit ermöglicht. Bei mir stehen die berufliche und die ehrenamtliche Arbeit in Wechselwirkung zueinander. Außerdem habe ich alle Stationen des sportlichen Werdegangs durchlaufen: Jugend- und Übungsleiter in Vereinen, Vorsitzender des Leichtathletikverbandes Köln, Mitglied des Arbeitsausschusses der Deutschen Sportjugend und mehr als ein Jahrzehnt Jugendwart des DLV."