München

Erst verschenkt, dann dreimal verkauft, und nun wird schon wieder versucht, es abzureißen: das Wohn- und Atelierhaus des Bildhauers Adolf von Hildebrand (1847 bis 1921), teuer und auch ganz fashionable im Münchner Prominentenviertel Bogenhausen gelegen. Dort reißt man sich um Grund und Boden; dort lassen sich bevorzugt diplomatische Vertretungen nieder; dort gelang es Hildebrand um die Jahrhundertwende, im eigenen Haus ein Kulturzentrum par excellence zu schaffen.

Nun ist das Prachthaus, ein majestätisches, ockerfarben gestrichenes Anwesen, dessen besonderen Reiz sein Interieur, eine glückliche Verbindung von Wohn- und Atelierräumen, ausmacht, Gegenstand einer Verhandlung vor Gericht.

Anfang Februar saß das Bayerische Verwaltungsgericht über einer Klage der gegenwärtigen Hausbesitzer gegen die Stadt München. Das Haus gehört einer Verwaltungs- und Treuhand AG namens Raulino, die sich bis vor kurzem Messerschmitt AG nannte und über Nacht umgetauft worden war. Schon nach der Fusion der Firmen Messerschmitt, Bölkow und Blohm hatte sich diese Treuhand AG selbständig gemacht und nur noch mit Immobilien beschäftigt; inzwischen ist auch der alte durch einen neuen Namen ersetzt worden. In beiden Fällen handelt es sich jedoch um Angehörige der Familie Messerschmitt. Raulino AG hatte im Sommer 1969 für stattliche 1,6 Millionen Mark die Villa erworben, und zwar, wie ein Sprecher des Hauses wissen ließ, „nur unter der Bedingung, sie abreißen zu lassen“. Die Folge war ein prompter Antrag bei der Baukommission der Stadt München auf Abbruch. Da der Eindruck entstand, die Stadt lasse den Antrag liegen, kam es zur Verwaltungsklage, mit der diesem Däumchendrehen ein Ende gesetzt werden sollte.

Allerdings beschäftigt das Hildebrand-Haus die städtischen Behörden schon des längeren. Ein Jahr ist es gerade her, daß der vorige Besitzer der Villa, der Baufinanzier, Pakistan-Generalkonsul und CSU-Freund Edgar Heckelmann das gleiche Ansinnen gehabt hatte. Erst als Hildebrand-Freunde und Kenner mit Pietäts- und städtebaulichen Einwänden („neben Stuck- und Lenbachvilla die letzte Münchner Künstlerresidenz“) Sturm liefen, hatte Heckelmann davon abgelassen. Ein Verzicht, der sich auszahlte: denn Heckelmann veräußerte den im März 1967 erworbenen Besitz, mit fast einer Million Gewinn, Doch die Transaktion sollte lediglich eine neue Strophe im Münchner Hildebrand-Lied sein.

Noch gibt es in Bayern kein Gesetz, das über den Denkmalschutz von Bauten wacht. Mit anderen Worten: ein Hildebrand-Haus ist vogelfrei, und kein Paragraph schützt vor dem Abbruch. Allerdings ist ein neues Denkmalschutzgesetz im Bayerischen Landtag in erster Lesung. Wenn es beschlossen wird, bestimmen über die Zukunft von Baudenkmälern eher öffentliche als private Interessen. Die Hildebrand-Getreuen hoffen, daß das Gesetz rasch verabschiedet wird, um die Villa zu erhalten und mit Sicherheit erhalten zu können.

Schließlich ist das Hildebrand-Haus kein Immobilienobjekt im herkömmlichen Sinne. Das erfuhr auch die Evangelische Landeskirche Bayerns. Ihr hatte es einst eine evangelisch getaufte Jüdin, die später in einem Konzentrationslager ums Leben gebracht wurde, mit der Auflage vererbt, es als Missionsstätte für nichtarische Christen zu verwenden. Gekauft hatte es diese Frau 1934 von den Hildebrand-Erben für etwa 60 000 Reichsmark – ein Notverkauf mit dem Passus, den Erben die Rechte an den Mauern und des Hauses und den Werken des Künstlers im Innern zu belassen.