Von Claus Grossner

Methodisch stehen wir nackt da, nachdem der theoretische Schleier, den Adornos Genie vor unsere methodologische Blöße hielt, gefallen ist.“ Unmittelbar nach dem Tod seines Lehrers Theodor W. Adorno kam Jürgen Habermas zu dessen Beerdigung aus dem Urlaub zurück nach Frankfurt und stellte lakonisch fest, daß dies das theoretische Desaster der „Kritischen Theorie“ sei. Den praktischen Verfall der „Frankfurter Schule“ zeigte die Reaktion des resigniert wirkenden 39jährigen auf eine Nachricht aus dem „Institut für Sozialforschung“, die Basisgruppen wollten Studentenführer wie Oskar Negt zu Adornos Nachfolger machen: „Dann kann ich ja nach Zürich gehen.“

Ein halbes Jahr später, also heute: „Es gibt viele Stufen eines möglichen Rückzuges. Aber ich habe nicht die Absicht, in Frankfurt die Segel zu streichen.“ Das hat Habermas auch nicht nötig: Schon seit geraumer Zeit dominiert er in der Metropole der einst militanten Studenten, von denen heute viele in Subkulturen überwintern oder haschischrauchend die Welt verändern möchten. „Ich habe Kolakowski, den Repräsentanten eines unorthodoxen Marxismus, an die Spitze der Berufungsliste für Adornos Nachfolge gebracht.“ Gegen diesen Vorschlag richteten jetzt jüngere Adorno-Schüler einen vehementen Brief, den sie an den Emigranten aus Polen schickten: „Kommen Sie nicht nach Frankfurt, Sie können die Tradition der Kritischen Theorie nicht fortsetzen!“

Habermas dominiert, aber sein Zerwürfnis mit den Führern der Protestbewegung hält an. Es begann, als er nach dem Tod von Benno Ohnesorg auf dem Studentenkongreß in Hannover das Wort vom „linken Faschismus“ prägte und sich so zum Angriffsziel militanter SDS-Gruppen machte. „’Linker Faschismus’, diese Formel kam mir in den Sinn, weil ich an Sorel dachte, an dessen subjektivistisches Selbstbewußtsein, an Theorien, die politische Bewegung zur Kategorie an sich erhoben“, erläutert Habermas heute.

Seit der Veröffentlichung „Student und Politik“ im Jahre 1961, die das politische Bewußtsein von Frankfurter Studenten soziologisch untersuchte, gehört der Professor für Philosophie und Soziologie zu der Handvoll deutscher Wissenschaftler, deren Philosophie von einer aktiven Minderheit in die politische Praxis getragen wurde. Neben Bloch, Abendroth und seinerzeit Adorno galt er als Mentor der linken Studenten.

Auf die Frage, welche Chancen die linke Bewegung heute noch hat, antwortet er: „Die Hauptfrage ist, ob eine Reorganisation des Parteiensystems – nicht im Sinn einer Rätedemokratie! – heute möglich ist. Es scheint so zu sein, daß dieses System die theoretisch wichtigen Fragen nicht einmal aufnimmt.“

Diese Antwort zeigt, daß der Mitarbeiter am Hessischen Hochschulgesetz die „Große Weigerung“ der Studenten den etablierten Herrschaftsapparaten gegenüber nicht mitmachen will. Doch sieht auch er, daß heute eine Theorie der Gesellschaftsveränderung fehlt: