Beim Telephon dauerte es fündundsechzig Jahre, beim Radio nur noch fünfunddreißig und beim Fernsehen vierzehn: Immer mehr schrumpfte die Zeitspanne zwischen der Entdekkung der technischen Grundlagen und ihrer praktischen Anwendung. Heute ist dieser Beschleunigungsprozeß so weit, daß die technische Entwicklung absehbar ist und zielstrebig projektiert wird — die Pläne für ihre industrielle Verwertung gehen der technischen Entwicklung voraus. Noch gibt es nicht, was den unpassenden Namen "Kassettenfernsehen" trägt. Unpassend, weil es sich eben nicht um Fernsehen handelt, sondern gerade darum, daß der Fernsehzuschauer sich unabhängig von den Programmen machen kann, die ihm einige Sendeanstalten ins Haus zu funken belieben — indem sich jeder sein eigenes Programm von Bild Ton Konserven zusammenstellt, die er mit Hilfe eines Zusatz Abspielgeräts (das später serienmäßig in die Fernsehempfänger eingebaut werden könnte) nach Belieben auf seinen Bildschirm bringen kann; das Wort "Kassettenfernsehen" ist also ebenso widersinnig, wie es die Bezeichnung "Plattenrundfunk" für die Schallplatte wäre. Noch gibt es diese Bildkassette nicht, aber überall arbeiten die Entwicklungsabteilungen elektronischer und chemischer Industrien an ihrer Verwirklichung, und vielerorts werden Pläne geschmiedet, den kommenden Geräten (der "hardware") ein Angebot von Programmen, nämlich von bespielten Kassetten (die Es ist nicht ausgeschlossen, daß manche von den Firmen und Firmengruppen, die sich heute, euphorisiert von den erwarteten Gewinnmöglichkeiten, hektisch in das Geschäft werfen, auf der Strecke bleiben, wie es schon einmal bei den Planungen für das private sogenannte "AdenauerFernsehen" der Fall war; daß die Pressemeldungen, welche spätestens seit Springers Versuchen, sich im Hinblick auf das "Kassettenfernsehen" ins Studio Hamburg einzukaufen, fast täglidi von neuen Verfahren, Interessenten und Kooperationsverhandlungen berichten, zu einem Teil nur die Entstehung von Seifenblasen verzeichnen. Aber sicher ist: Das elektronische Zeitalter hat eben erst begonnen, und wie die Zeitung und die Bibliothek "aus der Wand", nämlich über das Drahtfernsehen, so kommt die Bildkassette und wird das Leben mindestens so nachhaltig bestimmen wie heute Schallplatte und Tonband. Ihr Umsatzpotential wird in den USA auf vier Milliarden Mark jährlich geschätzt; Japans softTüwe Hersteller allein rechnen mit einem MarktPotential von 200 Millionen Mark in fünf, von 500 Millionen Mark in zehn Jahren.

Die Konzerne und Konzernverbünde, die sich in der allernächsten Zeit durchsetzen, haben den Markt der Zukunft in der Hand. Es ist eine Aufbruchszeit wie nach dem Kriege: Wer jetzt rechtzeitig mit den richtigen Geräten und den richtigen Programmen da ist, hat so etwas wie eine Zeitungslizenz im Jahre 1946 — die Möglichkeit, den Informations, Meinungs, Unterhaltungs- und Bildungshaushalt der Zukunft stark zu beeinflussen und reich daran zu werden. Es ist keine Frage mehr, daß das neue Medium sich selber überlassen bleiben wird, ein Kind des Kapitalismus: von keiner gesellschaftlichen Ratio in Auftrag gegeben, sondern einfach sowohl technisch möglich wie kommerziell auswertbar und darum eines Tages vorhanden; an vielen Stellen gleichzeitig entwickelt und an den meisten überflüssigerweise, denn nur wenige dieser Entwicklungen werden zum Zuge kommen; in seinem meinungsbildenden Potential nicht stärker beeinflußbar und korrigierbar als der Bücher, Zeitungs- und Schallplattenmarkt, nämlich wenig und mühsam und wenn es eigentlich schon zu spät ist. Doch nur ein solches System bringt dieses Medium überhaupt hervor — und bietet darüber hinaus sogar noch einige Gewähr dafür, daß am Ende die besten und billigsten Entwicklungen überleben werden. Wozu? Diese Frage beantwortet es nicht; der Öffentlichkeit bleibt es überlassen, in das Vorhandene dann soviel Sinn wie noch möglich zu injizieren.

Das mindeste, was sie tun kann, ist, sich rechtzeitig für das zu interessieren, was da auf sie zukommt. Darum auch der hier versuchte Generalüberblick über das Thema Videokassette, obwohl in dieser Zeitung schon mehrfach davon die Rede war (und noch öfter davon die Rede sein wird) : damit disparate Einzelnachrichten eingeordnet werden können.

Über den zu erwartenden zeitlichen Ablauf sind sich die Fachleute einig. In einem Jahr werden verschiedene technische Systeme bis zur Serienreife gediehen sein. In den nächsten zwei, drei Jahren werden weitere Systeme dazukommen. Dann wird es zu einer Klärung der Systeme kommen müssen: Einige werden wieder verschwinden, weil sie in Qualität und Preis gegen die Konkurrenz nicht bestehen, eins oder zwei oder vielleicht drei werden übrigbleiben. In dieser Versuchsphase wird die Bildkassette vorwiegend auf partikularen Gebieten verwendet werden, zum Berufstraining, für öffentliche und industrielle Lehrprogramme aller Art. Mitte der siebziger Jahre wird sie in größerer Zahl auch in die Haushalte vordringen; allein die Firma Philips rechnet damit, 1974 etwa hunderttausend, 1978 eine halbe Million ihrer Geräte an Privatinteressenten verkauft zu haben. Gegen Ende der siebziger Jahre wird sie genauso selbstverständlich sein wie heute Plattenspieler oder Fernseher — und mehr, denn bis dahin wird sowohl die Notwendigkeit permanenter Fortbildung wie das Maß der jedem zur Verfügung stehenden Freizeit beträchtlich zugenommen haben, beides Faktoren, die auch und gerade dem Medium Bildkassette entgegenkommen dürften. Niemand schließt aus, daß alles auch viel schneller gehen könnte, falls die Technik rascher vorankommt oder sogar mit einem bislang noch unvermuteten perfekten System aufwarten sollte. Die Systemklärung wird in diesem Fall unfleich komplizierter werden als bei der Tonassette, die sich seit 1963 ihren Markt erobert hat. Damals handelte es sich nur darum, ein einziges System, nämlich das Magnetbandsystem, zu vereinheitlichen: fast nur eine Frage des Formats; in Europa blieb eines übrig, in Amerika sind es zwei. Bei der Bildkassette dagegen sind bisher vier völlig verschiedene Systeme in Sicht, bei einem dazu zahlreiche Formate; alle haben mächtige Industrien im Rücken, und sie sind in keinem Fall auf einen Nenner zu bringen. Diese Systemvielfalt könnte die Verbreitung des Mediums ihrerseits erheblich verzögern, denn die Systeme werden sich gegenseitig im Wege stehen, und private Interessenten werden fürs erste gut daran tun, sich zurückzuhalten und abzuwarten, welches System sich durchsetzt, um nicht am Ende mit einem Gerät sitzenzubleiben, für das niemand mehr bespielte Kassetten anbietet. Diese Zurückhaltung muß notwendig den Prozeß der Systemklärung, von dem doch ihre Aufhebung abhängt, selber weiter aufhaken: Wo die Käufer Reserven haben, kann sich auch die Industrie die entscheidende Verkaufsschlacht nicht liefern.

Die Unsicherheit wird um so größer sein, als keines der bisher absehbaren Systeme perfekt genannt zu werden verdient. Das "perfekte System" — es müßte folgende Haupteigenschaften haben: optimale Bildqualität in Schwarzweiß und Farbe; einen annehmbaren "Einstiegspreis" für das Gerät, der möglichst unter 1000 Mark liegen und keinesfalls höher als 2 000 Mark sein sollte; Handlichkeit und Idiotensicherheit in der Bedienung; die Möglichkeit, eigene Aufnahmen mit ihm abzuspielen und Programme der Fernsehanstalten "mitzuschneiden", um sie dann zu passenderer Zeit ansehen zu können; einen Kassettenpreis, der nicht wesentlich höher ist als der Preis eines Buches oder einer Langspielplatte; schließlich die Möglichkeit, Einzelbilder anzuhalten und so Schrift- und Filmpassagen miteinander zu verbinden. Die bisher entwickelten Systeme haben alle immer nur einzelne dieser Eigenschaften, nie alle miteinander.

Um welche Systeme handelt es sich?

Das Magnetsystem. Es zeichnet Bild- und Tonimpulse elektromagnetisch auf einem Band auf. In den Fernsehanstalten ist das Verfahren, zuentwickelt, seit langem in Gebrauch. Die professionellen Geräte aber sind dermaßen kompliziert und teuer, daß sie für eine Verwendung außerhalb der Fernsehstudios nicht in Frage kommen. Die Entwicklungsarbeit besteht also in ihrer drastischen Vereinfachung. 1964 konnte die Firma Philips ein halbprofessionelles Gerät für knapp 7000 Mark anbieten, im April 1969 brachte sie ein erstes Heimgerät (Video Recorder genannt) für knapp 2000 Mark heraus; es arbeitet wie das konventionelle Tonbandgerät mit Spulen und noch nicht mit Bandkassetten und erlaubt Aufnahme und Wiedergabe in Schwarzweiß. Die Bildqualität ist geringer als beim normalen Fernsehempfang, Programmproduzenten meinen: noch zu gering. Zwei unbespielte Bänder mit einer Spieldauer von zusammen einer Stunde kosten knapp 200 Mark.