Von Eka von Merveldt

Wenige Länder erfüllen die Sehnsüchte und Erwartungen, die der Reisende hegt. Ostafrika erfüllt sie mehr und mehr und fast im Übermaß. Immer mehr Nationalparks entstehen. Demnächst wird der Gombe-Park bei Kigoma in Tansania für die Touristen freigegeben, das Gebiet der Schimpansen an der Grenze zum Kongo. Die Eröffnung verzögerte sich, weil man die empfindlichen Tiere vor der Einschleppung von Zivilisationskrankheiten durch Touristen schützen muß. Immer komfortabler werden die Hotels und immer bequemer werden die Safaris gemacht.

Und dennoch erlebt der Reisende in Afrika die Sensation, in eine Welt zu tauchen, die weit entfernt ist von der, aus der er kam, fern von allem Gewohnten. Die Hitze ist in Afrika heißer als anderswo, der Staub trockener, der Geruch fremder, die Luft frischer. Auf der Piste von der Serengeti nach Nairobi – die Straße ist bisher nur teilweise ausgebaut – durchquert man stundenlang Gebiete, die aussehen wie eine Mondlandschaft. Eine Fahrt in früher Morgenstunde über die schier unendlichen Ebenen des Ngorongoro-Reservats ist ein Erlebnis wie am ersten Schöpfungstag. Giraffen, Geparde und Gazellen bewegen sich gelassen, ohne Eile, im rosigen Licht des frühen Tages in der dürren Steppe. Absolute Stille. Ein Never-Never-Land. Die Leere ist wie ein Sog. Plötzlich wird man inne, daß man ein Leben damit verbringen könnte, Elefanten in ihrer eigenen Welt zu beobachten. Es ist eine erregende Begegnung, selbst wenn die großen Tiere mit Bedauern davonzutrotten scheinen, erst recht, wenn sie trompetend und bedrohlich die riesigen Ohren schwingend, direkt auf den Beobachter losgehen.

Abends am Lagerfeuer kann man in den einfachen Camps aus Zelten und Blockhütten in wenigen Tagen mehr Originale treffen als in Hamburg ein ganzes Leben lang, ist man nur sportlich und bescheiden genug, Strapazen, Staub, Primitivität, Insektenbisse, Bedrohung durch Schlangen und Tropenregen zu ertragen wie König Frederik von Dänemark, der sich kürzlich in der Serengeti weigerte, aus einem durchnäßten Zelt in eine trockene Hütte umzuziehen ("Ich will eine richtige Safari erleben"). Manche Typen sehen so abenteuerlich und urwüchsig aus, als kämen sie direkt aus der Olduwai-Schlucht, in der der Anthropologe Dr. Louis Leakey den Nußknackermenschen (Zinjanthropus Boisoi) entdeckte, dessen Alter auf 175 Millionen Jahre geschätzt wird. Aber sie kommen aus New York, Edinburgh oder Sydney, wenn auch oft schon fünfzig Jahre darüber hingingen und 50 Jahre Afrika sie geprägt haben, gehärtet und nicht selten menschlich geläutert.

Bequemer natürlich ist es, in den eleganten Lodges zu sitzen und die wilden Tiere an die künstlichen Tränken zu bitten: wie in der Kilaguni-Lodge und in Ngulia im Tsavo-Park-West oder der Voi-Lodge in Tsavo-Ost. Und sie kommen auch, sobald der Lärm der Bauarbeiten vorüber ist, nach gewissem Zögern zwar, sich vorsichtig vergewissernd, daß keine Gefahr lauert. Es hat seinen besonderen Reiz, in der Wildnis in eleganten, offenen Räumen an festlichen Tafeln zu sitzen bei einem exquisiten Mahl und unten in der Tiefe, wie im Treetops-Hotel, dem Baumhotel im Aberdare-Nationalpark, den Wechsel der Szene wie auf einer Bühne zu beobachten, auf der die Elefanten und Rhinos in strengem Ritual einander respektieren. Immer haben die Elefanten Vortritt. Urweltlich grunzende Laute und nächtlicher Urweltlärm dringt noch bis in die Träume. Der witzige "Colonel" mit dem Monokel, der maître de plaisir, Chef der White hunter und ehemalige englische Oberst der Indien-Armee ist noch einer von der alten, kernigen Art, die Cocktail-Glas und Flinte gleich leicht zu handhaben wissen. Er verbreitet an den langen Tischen auf engstem Raum, beim Rose aus der Provence, heitere Gastlichkeit und kommentiert den Auftritt der Elefanten und Rhinozerosse, der Antilopen und Schakale mit britischem Humor. Er oder ein anderer White hunter holt täglich die Touristengruppen, die nur eine Nacht in dem engen Hotel auf Stelzen – einst im Wipfel eines Baumes – verbringen dürfen, mit geschuletwas Gewehr von dem Platz ab, bis zu dem die Autos vordringen. War spät kommt, erfährt etwas von der Spannung, urplötzlich einer Herde von Elefanten zu begegnen, und der Spott über die "Show für Touristen" des martialisch bewaffneten Colonel bleibt ihm im Halse stecken. Pünktlich jeden Nachmittag zur gleichen Stunde treten die Dickhäuter aus dem Dickicht an die Salzlecke, aber sie bleiben wild und unberechenbar.

Treetops, eines der extravagantesten Hotels Afrikas, in den Highlands von Kenia nicht weit vom Mount Kenia, ist ein Außenposten des sehr komfortablen, tiefer gelegenen Outspan-Hotels in Nyeri unter Schweizer Leitung. Dieses Hotel liegt mitten in einem Blumenmeer. Tennis, Golf, Badminton, Reitpferde, Mietwagen vor der Tür.

Nördlich der Serengeti, in atemberaubender afrikanischer Landschaft, ist mit amerikanischem Geld in einem alten deutschen Fort ein Luxushotel im Bau, das nun auch in Tansania den Vorsprung guter Hotellerie in der Wildnis, den Kenia hatte, einholen will. Bisher hat der Nachbarstaat mit dem Drehkreuz Nairobi den Rahm abgeschöpft. Das Hotel in Ikoma soll ein Gegenstück zu dem teuren Mount Kenia Safari Club werden, einer Hotelanlage, die sich mit allem erdenklichen Luxus in einer Parklandschaft vor der dramatischen Kulisse des nahen 5200 Meter hohen Berges ausdehnt.