Für die sowjetische Geschichtsschreibung gehört die militärische Katastrophe des Sommers 1941, die Frage nach Ursache und Ausmaß der Niederlagen in den ersten Monaten des deutschen Angriffs immer noch zu den „heißen Eisen“. Lange Jahre vom Triumph des Jahres 1945 verdeckt und von Stalin autoritativ gedeutet, verknüpften sich die historischen Probleme des Sommers 1941 zwangsläufig mit politisch-ideologischen, als der Stalin-Mythos in der Ära Chruschtschow ins Wanken geriet. Die Diskussion der sowjetischen Historiker über den „22. Juni 1941“ ist in ihrem Auf und Ab geradezu ein Seismograph für den Grad an „Entstalinisierung“ und „Restalinisierung“ in der sowjetischen Geschichtsschreibung und in der Sowjetunion überhaupt.

Der „Umschlag“ wurde, deutlich, als 1967 das Buch „1941 – 22. Juni“ des Historikers Alexander Nekritsch, das ein Jahr zuvor noch von der sowjetischen Kritik gelobt worden, war, plötzlich scharf verurteilt wurde, zum Teil von denselben Rezensenten. Das Buch, im Herbst 1965 in einer Auflage von 50 000 Exemplaren veröffentlicht und schnell vergriffen, wurde ins Polnische, Ungarische, Tschechische, später (1968). auch ins Französische übersetzt. Die deutsche Ausgabe

Alexander Nekritsch und Pjotr Grigorenko: „Genickschuß – Die Rote Armee am 22. Juni 1941“; hrsg. und eingeleitet von Georges Haupt; Europa Verlag, Wien/Frankfurt a. M./Zürich 1969; 328 S., 24,– DM

ist weit mehr als nur eine Übersetzung aus dem Russischen oder Französischen. Eingeleitet von einem der besten Kenner der Geschichte von Sozialismus und Kommunismus, Georges Haupt, enthält es das gesamte verfügbare „Dossier Nekritsch“, das zugleich einen gescheiterten Versuch zur Bewältigung des Problems Stalin dokumentiert. Haupt fragt nachdenklich, „ob das Umschreiben der Geschichte nicht eine Rückkehr zu Methoden einleitet, die diese Geschichte einst bedingt haben“.

In der Studie Nekritschs wird die politische Fehlkalkulation Stalins herausgestellt, daß Hitler vor Abschluß des Krieges im Westen nicht die Sowjetunion angreifen werde. Stalin wird zum Hauptverantwortlichen für das Desaster des 22. Juni 1941 gestempelt. Diese These stand im schroffen Gegensatz zu der Version, die die „Größe sowjetische Enzyklopädie“ 1951 als Erklärung bot.

Im Anhang folgen das in der Sowjetunion geheimgehaltene Protokoll einer Diskussion, die am 16. Februar 1966 in Moskau zwischen sowjetischen Historikern geführt wurde und bei der sich Nekritsch gegen seine Hauptkritiker Deborin und Telpuchowskij durchsetzte. Diese beiden Historiker folgten jeweils den Kurven der Generallinie der Parteiführung. Ihr (gleichfalls abgedruckter) Artikel in der September-Nummer 1967 der Zeitschrift „Woprossy Istorii“, die vom Institut für Marxismus-Leninismus herausgegeben wird, hat die Offensive zur Restalinisierung in der Sowjet-Historie eingeleitet. Nekritsch wurde des Abweichens vom marxistisch-leninistischen Klassenstandpunkt für schuldig erklärt.

Die Entgegnung des Generalmajors Grigorenko, der noch schärfer als Nekritsch gegen den Stalinismus vorging, wurde von der Zeitschrift nie gedruckt. Sie wurde in einer – wohl auf Grund eigener Übersetzung – etwas variierenden Fassung inzwischen gesondert veröffentlicht und mit einem Vorwort von Michel Garder versehen: