München

Der Schnellrichter im Münchener Polizeipräsidium, der sonst vorwiegend mit Pennern und Bettlern beschäftigt ist, sah sich neuer Kundschaft gegenüber. Sie hießen Darwisch Nasrallah und Hilda Nizar. Araber, angeklagt wegen eines Verstoßes gegen das Ausländergesetz. Die beiden und mit ihnen noch ein paar andere waren am Vorabend des Besuchs von Abba Eban, dem israelischen Außenminister in einigen, der Polizei sehr wohl als obskure Ausländertreffpunkte bekannten Lokalen auf der Schwanthalerhöhe und im Bahnhofsviertel festgenommen worden, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigung hatten,

„Onkel in München unterstützt mich, Adresse weiß ich nicht“, sagte der eine vor dem Richter, „wollte nicht zur El Fatah gepreßt werden“, der andere, „will studieren“, ein dritter. Auch ein Waffenhändler mit zwei Pässen und Diplomatenlegitimation war darunter.

Nach dem Anschlag auf die Passagiere einer EL-AL-Maschine in München-Riem (ein Toter und zehn Verletzte) und der Brandstiftung im jüdischen Altersheim in der Reichenbachstraße (sieben Tote) ist in der „Weltstadt mit Herz“ wieder das „Ausländerproblem“ aktuell geworden. In erster Gemütsaufwallung schrieb unter der Überschrift „Säubert München!“ der exzentrische Redaktionsleiter des „Münchner Stadtanzeigers“: „Hinaus aus München mit jenen ausländischen ,Studenten‘, die seit Jahren keinen Hörsaal mehr betreten haben und auch keinerlei Arbeit nachgehen; es sei denn, man will Schmuggel, Diebstahl und Betrügereien als Berufstätigkeit anerkennen ... Hinaus aus München mit Leuten, die nicht davor zurückschrecken, kriegerische Auseinandersetzungen anderer Länder auch in unserer Stadt – in einem neutralen Land – auszutragen.“

Die „Süddeutsche“, der diese „Heimatzeitung der Landeshauptstadt“ zweimal wöchentlich beiliegt, mahnte indes einige Tage später zu nüchterner Betrachtungsweise. Andernfalls bestehe „die Gefahr, daß die Grenzen verwischt werden zwischen völlig unbescholtenen ausländischen Mitbürgern, von denen ein Teil im Rahmen unserer Gesetze politisch aktiv wird, und ausländischen Kriminellen, von denen wiederum nur ein kleiner Kreis zu den illegal tätigen politischen Agenten und möglichen Attentätern gehört. Bei ungenügender Differenzierung zwischen diesen völlig verschiedenen Sachbereichen werden allzu leicht – wenn vielleicht auch ungewollt – Emotionen gegen die Ausländer oder die ausländischen Studenten geweckt“.

Eine Differenzierung ist notwendig, denn bereits die registrierten Ausländer in München könnten allein eine Großstadt füllen. Das städtische Presseamt sprach dieser Tage von „mehr als 200 000“, wobei es offenbar die Illegalen miteinkalkulierte. Das Statistische Amt der Stadt meldete bei einer Gesamtbevölkerung von etwas über 1,3 Millionen Menschen im März vergangenen Jahres genau 172 417 Ausländer; der Deutsche Städtetag sprach Ende vergangenen Jahres bereits von 187 000, womit die bayerische Landeshauptstadt an der Spitze in der Bundesrepublik liegt.

Darüber hinaus schätzt die Polizei die Zahl der in München lebenden, aber nicht angemeldeten Ausländer auf 20 000 bis 25 000 – und gerade in diesem Kreis dürften die Spitzel, Agenten und Kriminellen zu suchen sein. Auf die Ausländer angewiesen ist die Wirtschaft. Die Hälfte der registrierten, rund 83 000, gelten als Gastarbeiter, es sind vor allem Jugoslawen, Italiener, Türken und Griechen.