Von Otto F. Beer

Seit sich die moderne Medizin bemüht, dem Tod ein wenig von seinem Schrecken zu nehmen, scheint das Leben eben dieses Quantum Schrecken hinzugewonnen zu haben. Warum breitet sich über unsere Bücherregale der Schrecken? Psychologisch läßt sich die Ironisierung des Todes als Abwehr einer Angst verstehen. Die Verdrängung explodiert im Witz. Der schwarze Humor ist also seiner Herkunft nach von der nackten, direkten Präsentation von Welt- und Lebensangst nicht allzu weit entfernt. Und beide Spielarten haben im österreichischen Bereich ihre Klassiker gefunden: Kafka auf der einen Seite, auf der anderen die ganze Skala des schwarzen Wiener Humors zwischen Georg Kreisler und Helmut Qualtinger. Den „ganz gewöhnlichen Schrecken“ hat eben erst Handke mit einer Schar jüngerer Österreicher belegt: H. C. Artmann, Konrad Bayer, Oswald Wiener und so vielen anderen. An der Donau sterben die Makabräer nicht aus. Einer von ihnen präsentiert sich in dem vorliegenden Band –

Peter Marginter: „Leichenschmaus“; Langen Müller Verlag, München; 232 S., 15,80 DM.

Peter Marginter ist fünfunddreißig Jahre alt. Er ist Dr. jur. und arbeitet als solcher in der österreichischen Handelskammer, was möglicherweise seinen Sinn fürs Makabre gefördert hat. Mit zwei Büchern hat er bisher seine Begabung fürs Skurrile, Kauzige, Versponnene dokumentiert. Sein kräftigstes Lebenszeichen war ohne Zweifel der Romanerstling „Der Baron und die Fische“, in dem ein leidenschaftlicher Ichthyologe sich in einen Fisch verwandelt und ein schottischer Ahnherr in Whisky konserviert und zeitweilig wieder zum Leben erweckt wird, auf daß er auch späteren Generationen mit seinem Rat beistehe. Der zweite Roman, „Der tote Onkel“, nannte sich „ein Krimisterium“. Ein Möchtegernmaler läßt sich darin von einem „Oneiropraktiker“ in künstliche Träume versetzen, in deren Verlauf er in die Existenz eines anderen, eines wirklichen Künstlers schlüpft und dessen schöpferische Potenz aussaugt. Das war stellenweise eine Art Herzmanovsky mit Soda, und auch Gustav Meyrink zählt zu den Ahnherren dieser Erzählungen, die mit dem Entsetzen und dem okkulten Zwischenreich Scherz trieben.

„Leichenschmaus“ nun segelt auf einer schwarzen Welle: kein Roman diesmal, sondern ein Arrangement von kleinen Geschichten. Sie sind ineinander komponiert, miteinander verzahnt, sie werden, wie der Titel andeutet, als ein Menü dargeboten. Der Leichenschmaus umfaßt zehn Gänge, mit „Potage“ beginnend, über Braten und Käse bis zum Kaffee führend, der freilich nur aus einem einzigen Satz besteht: „Einem Neger kann man nichts weiß machen.“ Innerhalb der einzelnen Gänge gibt es jeweils auch Gedichte, die sie abschließen, etwas verblasene Verse, die den Eindruck hinterlassen, daß die Lyrik nicht eben Marginters Stärke ist. Auch sind die einzelnen Gänge dieses Menüs von sehr unterschiedlicher Qualität.

Da ist etwa die Geschichte von den beiden entlegenen Gebirgsfestungen, die zwei Nachbarstaaten in unzugänglichen Paßhöhen errichtet haben. Die Kommandanten statten einander, wenn der Schnee sie von ihren beiden Vaterländern abschneidet, Höflichkeitsbesuche ab und ergehen sich in komplizierten Schachpartien. Bei der Schneeschmelze erfahren sie, daß sie solcherart einen Krieg ihrer beiden Staaten verschlafen haben. Vom Ehrgefühl mächtig gepackt, holen die beiden Beinahefreunde das Versäumte in einem Duell nach und finden den Tod. Die Nähe Buzzattis ist hier zu spüren, eine Grenzsituation beschwört für eine sinnlose Lage ein sinnloses Ende herauf.

Zu den packendsten Stücken dieses Bandes gehört auch die Geschichte von der Monstermaschine, die alles spendet, was die Konsumwelt braucht: Konserven und Waschpulver, Einkaufstaschen und synthetischen Wein. Die „erste total automatische Fabrik“ dient ihrem Herren, dem „Generaldirektor der Generaldirektoren“ aber auch als Lustobjekt. Dabei erweist sie freilich ihre kannibalische Kraft und speit ihren Liebhaber hinterher als eine pergamentene Mumie aus. Wenn sie am Ende explodiert und in Stücke zerbricht, hinterläßt sie eine Warenflut; schimmligen Honigkuchen und verdorbene Würste, Berge von Waschmaschinen und verdorbene Konserven, die die Welt überschwemmen.

Manches fällt ein wenig aus dem makabren Rahmen eines Leichenschmauses, wie etwa die sehr reizvolle Geschichte von dem häßlichen Hündchen einer alten Rentnerin, das dadurch zur Schönheit wird, daß „der große Kynologos“ aus seinen unförmigen Ohren und krummen Beinen kostbare Rassemerkmale und das ganze unglückliche Tier zu einem „Hundeprinzen“ macht. Als Salat wird bei diesem Gang das Schicksal eines jungen Mannes serviert, der sich am Finger verletzt, worauf erst die Hand unsichtbar wird und später sogar sein Mädchen, das er damit in einer zärtlichen Umarmung berührt hat.

Spleen ist ein integrierender Bestandteil dieser versponnenen Phantasien: „Spleen setzt eine Freiheit voraus, die noch viel lockerer ist als die Schnur, über die jeder einmal schlägt, und der Herr B., der offenbar in diesem Haus nur seinem Vergnügen leben wollte, war vielleicht ein noch größerer Herr, als man vermutet hatte.“ Dieser Herr B. ist ein Kleinbürger, der ein Bauernhaus erstanden hat und dieses nun eigenhändig zu bemalen beginnt. Ein Rausch des Kreativen überkommt ihn dabei, groteske Bilder überziehen nach und nach die Wände, bis ihr Schöpfer, von seiner neuen Freiheit übermannt, in den Wald davonrennt und sich dort an einem Ast erhängt.

Und von spleeniger Natur ist auch jener edle Don Fabrizio Ligari, der sich einen standesgemäßen Tod bei der Mafia bestellt und hernach in einer Badewanne voll Säure aufgelöst werden möchte. Der Respekt vor dem hohen Herren behindert die Banditen, aber da hat er bereits seine Verwandtschaft mit vergifteter Suppe traktiert.

Der literarische Schrecken ist im Laufe der Zeit ein „ganz gewöhnlicher“ geworden. In Lauge aufgelöste Leichname haben inzwischen für uns bereits etwas reizvoll Verspieltes bekommen. Verspielt wirkt auch jener Herrschaftschauffeur, der, weil er immer so lange auf seinen Boß warten muß, in dieser aufgestauten Freizeit vier Doktorate hintereinander erwirbt und, sobald die Schmach ruchbar wird, den Rolls Royce mit seinem Herrn und sich selber bei rasender Geschwindigkeit in einen Fluß steuert.

Marginter stellt seinem Buch einen Satz der großen Kochkünstlerin Katharina Prato voraus: „Vor allem ist zu vermeiden, daß gleichartiges aufeinander folge.“ Diese gesunde gastronomische Maxime wurde buchstabengetreu befolgt. Doch lauert die Gefahr für diesen literarischen Leichenschmaus auf der anderen Seite: Was hier aufeinanderfolgt, ist nicht nur nicht gleichartig, sondern auch nicht gleichwertig, vor allem nicht gleichgewichtig. Ein Ganzes ist daraus nicht geworden.