Mit dem Porträt von Oswald Fuchs als Caliban beginnen wir eine Reihe von Schauspieler-Porträts, die in der analytischen Beschreibung einen Eindruck von den schauspielerischen Mitteln und Fähigkeiten des gegenwärtigen deutschsprachigen Theaters geben soll. Volker Canaris, der Autor dieser Reihe, war Theaterkritiker, bevor er Lektor im Theaterverlag bei Suhrkamp in Frankfurt wurde.

Caliban tanzt. Ein nacktes, schwarzes, stampfendes Energiebündel tanzt. Mit den weichen, rhythmischen Bewegungen, die in ihrer Kraft animalisch wirkten, wenn sie nicht zugleich auch Gefesseltsein signalisierten. Caliban tanzt, in sich, in seine Körperlichkeit versunken und gekettet, mit geschlossenen Augen blind.

Und Caliban singt. Er singt mit jener Mischung von gutturaler Melodie, Sentiment und Aufsässigkeit, die sofort „Neger“ assoziiert, von der Freiheit, die er sich erkämpft zu haben glaubt. Er hat sich von seinem Unterdrücker Prospero losgesagt und singt und tanzt sich in einen Freiheitstaumel hinein. Das fast noch sehnsüchtig vibrierende „Geh und such dir einen andern Mann ...“ mündet in ein hart skandiertes, autosuggestiv wiederholtes „Frei-heit, Frei-heit...“.

In der folgenden Szene küßt er in einer Kette von hündischen Unterwerfungen seinem „Befreier“ die Füße.

Dieser Tanz ist das Zentrum der Caliban-Figur, die Oswald Fuchs in der Kölner Aufführung des „Sturm“ unter der Regie von H. J. Heyse spielt. Der Moment dieses Tanzes ist bezeichnend für die Rolle, weil er die Gegensätze der Gestalt vereinigt: das Versklavtsein und die Freiheitssehnsucht werden sichtbar – und die Ohnmacht von Calibans Rebellion.

Caliban erscheint in Fuchs’ Spiel als Unterdrückter, als Ausgebeuteter, als Sklave. Schon der äußere Habitus zeigt den Sklaven vor: die schwarze, wollhaarige Gestalt ist in eine enge, Bermudashorts nicht unähnliche Hose aus buntbedrucktem Stoff gezwängt – Schreckbild der Vergewaltigung, die ein „Wilder“ durch die „Zivilisation“ erfährt. (Als äußeren Ausdruck seiner Revolte reißt er sich dann das Kleidungsstück vom Körper.) Von Prospero unterdrückt läßt dieser Caliban von Anfang an Widerstand spüren – und muß doch immer wieder geduckt, gekrümmt, knieend die Herrschaft des Übermächtigen anerkennen.

Dieser Sklave war jedoch einmal ein freier Mann. Die Erinnerung an den gastfreundlichen, den menschenfreundlichen Empfang, den er dem Fremden gewährte, drückt Fuchs, die Vergangenheit szenisch vergegenwärtigend, so aus, daß die unkorrumpierte Natürlichkeit des damaligen Caliban ganz glaubwürdig ist, weil er diese Haltung jetzt noch, trotz seiner schlimmen Erfahrungen, so unverstellt reproduzieren kann. Und die Klage darüber, daß ihn die Zivilisation nur deformiert hat, führt er nicht als zynische Selbstverhöhnung – das „Ich kann jetzt fluchen“ ist ein Moment, in dem dieser Caliban seinen Schmerz viel unmittelbarer äußert als in der Angst vor Prosperos Gewalttätigkeit. Trauer über die ihm aufgezwungene Manipulation bestimmt die Figur da stärker als Abhängigkeit von physischer Folter.

Tanz und Lied erscheinen als Emanzipationsversuch aus der Sklaverei. Freiheitsritual, Freiheitsdurst, Freiheitstaumel – der unterdrückte Schwarze Caliban sucht zurückzufinden zu seinem Ursprung. Die Genauigkeit der Situationen Shakespeares ist auch hier verblüffend: Calibans emotionaler Taumel führt ihn nur in die tiefere, nicht mehr durchschaute, weil scheinbar selbst („frei“) gewählte Sklaverei – der Rausch der Freiheit von Prospero führt zur Unterwerfung unter die Subalternen Stephano und Trinculo. Und Fuchs Caliban bleibt, dementsprechend, gerade wo er sich emanzipiert, noch der manipulierte Sklave, sein artikulierter Freiheitswille im Tanz, bleibt für Calibans Partner auf der Bühne ebenso wie für den Zuschauer gefahrlos konsumierbar. Kraft und Ohnmacht eines sich rauschhaft irrational, ästhetisch formulierenden Protestes werden sichtbar. Die Gestalt verliert damit nicht an Menschlichkeit, ihr Anspruch bleibt als berechtigter erhalten; aber es fehlt diesem Caliban, ungeachtet seiner späteren terroristischen Pläne, letztlich die Gefährlichkeit, die ihn zum wirklichen (politischen) Gegner der Herrschaft Prosperos machte. Den von Shakespeare gesteckten Rahmen einer historischen Figur (der „Sturm“ entstand zur Zeit der ersten englischen Kolonisationen in der „Neuen Welt“) füllt Fuchs mit aktuellen Assoziationen voll aus. Er macht den vergangenen Fall als gegenwärtig anwendbares Modell durchsichtig. Volker Canaris