Belgrad, im März

Ein Gewehr aus Deutschland hatte es Tito angetan – eine Jagdflinte, die ihm eine anhängliche Gastarbeiterin aus der Bundesrepublik geschenkt hatte. Stolz erzählte der jugoslawische Präsident dies seinem Bonner Gast, dem Bundeswirtschaftsminister Schiller, der letzte Woche als erster Abgesandter der Regierung Brandt nach Belgrad gekommen war. In dieser anekdotischen Begebenheit spiegelt sich der Wandel im deutsch-jugoslawischen Verhältnis.

Umgeben von den Trophäen seiner eben beendeten afrikanischen Reise, gab sich Tito als leutseliger älterer Staatsmann, der über den Gesichtskreis des eigenen Landes hinaus weltpolitische Perspektiven vor Augen hat. Auch das Verhältnis Bonn–Belgrad betrachtet er nicht mehr so sehr durch die kritische Lupe vergangener Erfahrung, sondern in größeren Zusammenhängen. Viel zu sympathisch ist ihm die gegenwärtige Bonner Ostpolitik, als daß er sie heute, da Jugoslawiens diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen mit den westlichen Deutschen auf gutem Wege sind, durch heftiges Drängen belasten wollte.

Das größte ungelöste Problem, von dem manche Belgrader Beobachter befürchtet hatten, es könne für den Bundeswirtschaftsminister peinlich werden, hat Schiller mutig selbst angepackt: die Wiedergutmachungsfrage. Noch ehe Tito das Thema berührte, sprach Schiller "von diesem schwierigen, nicht nur ökonomischen, sondern vor allem moralischen Problem".

Jugoslawiens Nachkriegserfahrungen, Titos Kampf mit Stalin, die immer wieder auflebenden nationalen Rivalitäten und die inneren Konflikte eines unausgegorenen Reformkommunismus – all das hat das Verhältnis der Jugoslawen auch zu den Deutschen differenziert, aber keineswegs so nachhaltig entkrampft, wie es dem sommerlichen Adria-Touristen erscheinen mag.

So ist am gleichen Tage, an dem Minister Schiller in Belgrad freundschaftlich empfangen wurde, dem Schriftsteller Milovan Djilas der Reisepaß entzogen worden, der ihm ermöglicht hätte, im April seine erste Reise durch die Bundesrepublik anzutreten, während sich einen Tag später für den Schriftsteller Mihailov, der 1965 seine ungeschminkten Reportagen eines Moskauer Sommers geschrieben hatte, die gleichen Gefängnistore öffneten, durch die – nicht nur einmal – Milovan Djilas hatte schreiten müssen.

Rußland und Deutschland – das sind Themen, die auch für die jugoslawische Politik und ihre immer wieder wechselnden Opportunitäten neuralgisch bleiben. Gerade in diesen Wochen, da er die Einladung zu den sowjetischen Lenin-Geburtstagsfeiern abgelehnt hat und dennoch bemüht ist, Breschnjew für einen Besuch in Jugoslawien zu gewinnen, ist Tito besonders empfindlich. Er hat es auch mit einer starken, nur scheinbar diskreten Aktivität sowjetischer Emissäre in Jugoslawien zu tun. Sie interessieren sich für politische Opponenten jeder politischen Couleur und arbeiten nach Art bemühter Seelsorger mit Hausbesuchen.