Miltenberg

Die Fürstenherberge „Zum Riesen“ im romantischen Main-Städtchen Miltenberg hatte schon manchen König zu Gast. Heute ist der Gast nicht mehr König: Wer im „ältesten Gasthof Deutschlands“ übernachten will, muß bei schlechtem Wetter mit dem Regenschirm ins Bett gehen, denn das alte Schieferdach leckt. Einst konnten in den Stallungen des „Riesen“ hundert Pferde mit Wagen samt Kutschern untergebracht werden. Heute muß sich auch der prominenteste Gast eine halbe Stunde auf den Parkstreifen vor einem benachbarten Teenagercafe mit einem Groschen erkaufen.

So ändern sich die Zeiten: In der letzten Woche kam der „Riesen“ wegen Riesenschulden unter den Hammer. Nun geben die Miltenberger Bürger die Schuld am Niedergang des ehrwürdigen Hauses dem Hotelier Wolfgang Hülbing, dessen Familie den Betrieb seit 1892 besaß.

Mit anderen Gasthäusern wie dem „Bären“ in Freiburg und der „Krone“ in Konstanz konkurriert der mächtige Fachwerkbau zwischen Marktstraße und Riesengasse um das werbeträchtige Prädikat „ältester Gasthof Deutschlands“. In seiner jetzigen Gestalt stammt er aus dem Jahr 1590. Aber das Steinfundament ist wesentlich älter: Die erste urkundliche Erwähnung eines Wirtes „Trestam zum Riesen“ stammt aus dem Jahr 1411. Kaiser Barbarossa soll im 12. Jahrhundert zweimal hier abgestiegen sein.

„Die Tradition des ‚Riesen‘ ist ein Spiegelbild der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, heißt es im Prospekt. Kaiser Friedrich III. (1440–1493) nächtigte hier ebenso wie der von drei Päpsten gebannte Ludwig der Bayer (1314), Karl IV. (1368) und – im Dreißigjährigen Kriege – Tilly, Gustav Adolf, Pappenheim, Piccolomini und Wallenstein. Reformator Luther soll bei seinem Aufenthalt im „Riesen“ den im gleichen Hause wohnenden Grafen Erbach durch „erbauliches Singen und Beten“ zur neuen Lehre bekehrt haben.

Im 20. Jahrhundert gesellten sich zu den Mitgliedern fürstlicher Häuser, die hier logierten, auch Sven Hedin, Richard Strauss, Theodor Heuss, Hans Albers, Heinz Rühmann und Elvis Presley. Kaum ein Reisebus fuhr an diesem Bauwerk vorbei. In dieser „deutschesten aller Landschaften“, wie ein Photoband bemerkt, gilt der „Riesen“ als Inbegriff deutscher Gastlichkeit.

Für 194 000 Mark hat die Miltenberger Volksbank, Hauptgläubiger Wolfgang Hülbings, den „Riesen“ als einziger Bieter ersteigert. Als bekannt wurde, daß der „Riese“ unter den Hammer kommen würde, wurde Hülbing während der Fastnachtszeit aus der Bütt’ verspottet. Der ausgebildete Hotel-Fachmann, Vorsitzende des Miltenberger Hotel- und Gaststättenverbandes und Lehrer für Gaststätten-Lehrlinge an der Berufsschule hat in seinem Heimatort keinen leichten Stand. Einer seiner Gastronomenkollegen hält mit harten Vorwürfen nicht hinter dem Berg: „Mich wundert nur, daß der sich überhaupt noch auf die Straße traut. Der müßte sich schämen.“ Hülbig, so sagt der Kollege, der den „Riesen“ selber sehr gerne führen würde, habe die Fürsten-Herberge leichtsinnig geführt, er sei oft während des Hauptbetriebes auf der Straße spazierengegangen; er habe keine saubere Küche gehabt; er habe seinen Kellnern zu viel Freiheit gelassen.

Hülbig freilich nennt andere Gründe für den Niedergang des alten Hauses. Im Jahre 1948 hat er es bereits stark renovierbedürftig und mit Schulden in Höhe von rund 250 000 Mark belastet übernommen. Er ist bis heute nicht frei von ihnen. Ganze 18 Zimmer hat der spitzgieblige Koloß. Im Jahre 1589 genügte noch eine Spende des Rates von 100 Eichenstämmen, um das Haus umzubauen. Jetzt muß, wer den „Riesen“ kaufen will, mindestens 250 000 Mark auf den Kaufpreis legen, um ihn überhaupt einigermaßen betriebsfähig zu gestalten.

Das Gebäude steht unter Denkmalsschutz, ein schweres Handikap für die kleinste bauliche Veränderung. Hülbig: „Das kaputte Dach war eine ständige Gefahr für das Haus. Und da streiten sich die Herren vom Landesamt für Denkmalspflege drei Jahre lang darüber, ob man das Haus mit Naturschiefer oder mit schieferähnlichen Kunststoffplatten decken soll.“

Der alte, gescheiterte „Riesen“-Wirt sieht auch keinen Vorteil im Renommee des Hauses: „Der Tourist schaut sich das Haus bewundernd an, denkt: Da werde ich geneppt, und geht vorbei.“ Nach Hülbings Meinung müßte man am „Riesen“ Aus- und Umbauten für anderthalb bis zwei Millionen Mark vornehmen, um ihn wirklich rentabel betreiben zu können. Sein lapidarer Rat an den Nachfolger: „Die alten Möbel herausnehmen und Eis-, Würstchen- und Andenkenstände einbauen. Das gibt einen Bombenumsatz.“