Von Wanda Bronska-Pampuch

Leszek Kolakowski, dem die „Fachschaft des Philosophischen Seminars“ aus Frankfurt eine offene Mißtrauenserklärung nach Berkeley schickte, um seine Berufung auf den Adorno-Lehrstuhl für Philosophie zu verhindern, hat seinen jungen deutschen Kritikern geantwortet. Er sei sehr froh, schrieb der polnische Philosoph, ihnen bei ihren Kämpfen um die Ordinarien nicht im Wege stehen zu müssen, er habe ohnehin nicht die Absicht gehabt, nach Frankfurt zu kommen ...

Noch ehe ihn der „Offene Brief“ erreichte, hatte Kolakowski Jürgen Habermas, der mit ihm telephonisch über seine eventuelle Professur an der Frankfurter Universität verhandelte, bereits eine Absage erteilt. Die Gründe dafür sind vielfältiger Natur. Kolakowski betont nachdrücklich, daß sie keineswegs einer Abneigung gegen die Deutschen oder Deutschland entspringen (was verständlich wäre, denn Kolakowski ist unter der nazistischen Besatzung aufgewachsen, und sein Vater wurde von der Gestapo umgebracht).

Nationale Ressentiments, welcher Art immer, sind ihm fremd, jeder, der ihn kennt, kann das bezeugen, und er hat nicht nur ausgezeichnet deutsch gelernt – obwohl er bis auf einige, ganz kurze Besuche nie in Ost- oder Westdeutschland gewesen ist –, sondern besitzt auch verblüffende Kenntnisse deutscher Geschichte, Kultur und Literatur.

Hier nun spielt etwas eine Rolle, wovon Kolakowski nicht spricht, was man aber erraten kann. Im Gegensatz zu einigen Zeitungsmeldungen ist er nämlich durchaus kein Emigrant. Die polnische Regierung hat Kolakowski im Dezember 1968 einen normalen Reisepaß ausgestellt, damit er der Einladung der Mc Gill Universität in Montreal Folge leisten konnte. Seine Frau, die Psychiater in einem der größten Warschauer Krankenhäuser ist, trat einen längeren Studienurlaub an, um ihn begleiten zu können. Beide sind nach wie vor polnische Staatsbürger und haben nicht die Absicht, diesen Status von sich aus zu verändern. Ihre Pässe erlaubten Kolakowski, nach Montreal eine Professur in Berkeley anzunehmen, und zur Zeit bemühen sich in Amerika und in Europa mehrere Universitäten um ihn.

Es liegt an den immer noch gespannten Beziehungen zwischen Warschau und Bonn, daß polnische Bürger einem Engagement in der Bundesrepublik kaum den Vorrang geben können. Der umstrittene marxistische Philosoph, der nach den Warschauer Studentendemonstrationen im März 1968 einer der ersten Professoren gewesen ist, der zusammen mit den opponierenden Studenten (und als deren angeblicher Rädelsführer) von der Universität suspendiert wurde und neun Monate lang unter ständiger Polizeiaufsicht stand, natürlich noch weniger als jeder andere. Aus einer ähnlichen Rücksichtnahme auf empfindliche Reaktionen in der Heimat lehnte Kolakowski kürzlich die Teilnahme an einer ARD-Fernsehsendung zum 100. Geburtstag Lenins ab.

Keine, leichte Situation, wie man sieht, und es scheint eigentlich verständlich, daß Betrachtungen über die persönliche Freiheit, die unter den Bedingungen solcher Situationen entstehen, relevanter sind als solche, die nichts Vergleichbares zum Ausgangspunkt haben. Die Vorstellungen, die der Marxismus und Sozialismus mit dem Begriff „persönliche Freiheit“ verband, stammen jedenfalls aus der Zeit einer ähnlichen Unfreiheit, und daher ist wohl nichts so unüberlegt, wie jener Satz aus dem „Offenen Brief“ der Adorno-Schüler an Kolakowski, in dem sie ihm vorwerfen, er kritisiere „bestehendes sozialistisches Recht allein durch den Rekurs auf die Ideologie persönlicher Freiheit, die in den liberalen Rechtsnormen kodifiziert wurde“.