Von den vier Verlegern, denen die Engländer 1946 die Lizenz erteilt hatten, gemeinsam die ZEIT herauszugeben, hatte einer in den ersten neun Jahren die Funktion des Chefredakteurs inne: Richard Tüngel. Er starb vorige Woche im Alter von 77 Jahren, Die meisten Menschen, die ihn kannten, werden seiner mit Bewunderung und Sympathie gedenken.

Er war der Sohn eines bedeutenden Arztes, der in der Geschichte der Medizin eine Rolle spielt und dessen Namen sogar in einer Hamburger Straße festgehalten, wenn auch nicht „verewigt“ wurde. Die „Tüngel-Straße“ lag in einem Viertel, das unter Bomben versank.

Richard Tüngel hatte Architektur studiert. Er war Baurat in Hamburg, nicht zuletzt, um in der Nähe des von ihm sehr verehrten Städtebauers Schumacher zu sein. Eines Tages war es eine Ausstellung von Malerei und Plastik, an deren Organisation er beteiligt war, die ihm den Zorn der Nationalsozialisten zuzog. Der Förderer der „Entarteten Kunst“ wurde entlassen. Er zog nach Berlin, wo er sein Leben trotz der Hilfe vieler Freunde nicht hätte fristen können, wenn sie nicht eine geniale Begabung für Kunstschriftstellerei in ihm entdeckt hätten. Vor allem Martin Hürlimann vom Zürcher „Atlantis-Verlag“ hat Tüngel gefördert, über Wasser gehalten und natürlich dabei auch seinen Nutzen von ihm gehabt.

Als er 1946, nach Hamburg heimgekehrt, Journalist wurde, geschah es, weil die Politik ihn gefangen nahm. Aber wurde er eigentlich Journalist? Konnte man ihn so nennen? Soweit Mut und Leidenschaft zu diesem Beruf gehören, mangelte nichts. Richard Tüngel, in dem sich auf seltsame, sehr seltene und daher ungemein anziehende Art konservative Gesinnung mit anarchistischer Aktionsleidenschaft verband, legte sich sogleich mit den Besatzungsbehörden an. Es machte Freude, ihm zur Seite zu stehen und zu sehen wie plötzlich politische Grundsatz-Artikel Tüngels auf Schreibmaschinenpapier getippt und vervielfältigt wochenlang im Lande kursierten, denn die Auflage der ZEIT – damals durch Papierknappheit und Militärbehörden niedrig gehalten – war nicht im Stande, die Nachfrage zu decken.

Tüngels Vielseitigkeit machte ihn gelegentlich sprunghaft. Er war voller Einfälle, aber: oft fehlte es an Selbstkontrolle. Ganz diszipliniert aber war er, wenn es um bildende Kunst ging. Wie er zu sehen verstand! Seine Aufsätze kunstkritischer Art, in denen er auf jegliches Fachvokabular verzichtete, sind heute noch lesenswert. Vor allem sein Buch ist lesenswert, das er in aller Ruhe und in der gepflegten Zurückgezogenheit von Ahrensburg (bei Hamburg) schrieb und das den Schätzen des Prado gewidmet war. Vielleicht ist auch seine Komödie noch sehenswert, deren erste Regieanweisung lautete: „Wenn der Vorhang sich öffnet, sieht man ein Paar beim Kuß. Es küßt so lange, bis das Publikum klatscht.“

Seine Sammlung von Handzeichnungen ist erster Qualität. Ein großer Kenner hat sie zusammengetragen, ein durch und durch künstlerischer Mensch, der niemanden gleichgültig ließ: Richard Tüngel. J. M. M.