Er war auch Höhlenforscher. Aber nur auch: Earle Stanley Gardner, der nach langem Leiden am vergangenen Mittwoch im Alter von achtzig Jahren starb, war die letzte einsame Größe aus einer Gruppe von amerikanischen, Krimi-Schriftstellern, die vor knapp vierzig Jahren ihren Job begannen, ihn zum Handwerk entwickelten und zahlreiche Epigonen hatten.

Bei ihnen gab es plötzlich nicht mehr das idyllische Landhaus in Sussex, in das alle Erbberechtigten eingeladen werden und fröhlich dinieren, und am nächsten Morgen ist der gute Onkel vergiftet. Die Amerikaner lieferten keine Schreibtisch-Taten. Sie gingen in die Gerichtssäle oder in Detektiv-Büros, auf die Straße und in die Kneipen. Sie sprachen mit Dirnen und Zuhältern, mit Ganoven und ihren Feinden, den "Cops", den Polizisten.

Und Gardner nahm sich der kleinen Fälle an. Einmal gründete und finanzierte er den Court of last Resort zu deutsch etwa das "Gericht der letzten Instanz". Damit wollte er Menschen helfen, die unschuldig verurteilt worden und ohne eigene Mittel waren. Oder auch solchen, die ohne seine und seiner Freunde Mittel ein neues Gerichtsverfahren nicht hätten in Gang bringen können.

Perry Mason. Der Anwalt, der 177 mal im amerikanischen Fernsehen vor Gericht für seinen (entweder juristisch unerfahrenen oder menschlich sympathischen) Mandanten siegte, dank der Mitarbeit seiner Sekretärin Deila Street und seines Detektivs Paul Drake: Natürlich war der Mandant – es konnte auch eine vollblusige Blondine sein – immer unschuldig. In 32 Titeln gibt es die Perry-Mason-Siege in der Ullstein-Krimi-Taschenbuchreihe, an die fünfzigmal im ZDF mit dem sympathischen Raymond Burr, der anschließend in einer neuen Serie kerngesund im Rollstuhl herumfahren mußte.

Aber Gardner, der angeblich sein erstes Buch im Jahre 1933 innerhalb von vier Tagen seiner Sekretärin in die Maschine diktierte, hatte einen Kummer. Er wurde wegen seiner "Fließbandarbeit" im Kollegenkreis mit Henry Ford verglichen.

Er strafte die Kollegen Lügen. Er stellte das Perry-Mason-Fließband vorübergehend ab und schrieb etwas ganz anderes, nämlich eine sehr humorige, vom ironisch-sachlichen Gardner-Stil abweichende Geschichte über ein komisches Detektiv-Paar: Die dicke Bertha und den dünnen Donald. Unter dem Pseudonym A. A. Fair (wahrscheinlich meinte er "fair" gegenüber seinen Belächlern) ging das Manuskript an den Verlag. Und wurde angenommen. Und nachdem drei Bücher mit Erfolg erschienen waren, lüftete Gardner sein Pseudonym. Seitdem erscheinen seine umwerfend komischen Geschichten mit Schrägstrich: Gardner/Fair (bisher bei Ullstein 24 Titel in deutscher Sprache).

Als er wegen seiner Krankheit aufhören mußte, seiner Leidenschaft zu frönen und Geschichten zu erfinden, zu dramatisieren und zu dialogisieren, wußte er selber nicht mehr ganz genau, ob er insgesamt mehr oder weniger als zweihundert Bücher geschrieben hat.