Der Amselgesang überragt wegen seiner großen individuellen Variationsbreite und des bei einzelnen Vögeln erstaunlich umfangreichen Repertoire alle übrigen Gesänge einheimischer Vogelarten. Manche Komponisten wie Thiessen haben ihr Leben lang Amselgesänge etwa auf Reisen und Wanderungen abgehört, anregende Motive aufgezeichnet und sind zu Sammlungen von einigen tausend Amsel-Strophen gekommen.

Der Eindruck indes, im bohnengroßen Gehirn einer singenden Amsel walte freie kompositorische Eingebung, trügt. Wie Dietmar Todt vom Institut für Biologie der Freiburger Universität in einer profunden Analyse über die Steuerung des Amselgesangs jetzt nachgewiesen hat, gibt es eine Anzahl von Einflüssen, die die Strophenwahl einer zum Singen anhebenden Amsel und die Wahl nächstfolgender Strophen mitten im Gesang in gewissem Umfang determinieren. Mit der Kenntnis dieser Gesetze und der Kenntnis des Repertoires eines Vogels konnte der Forscher Wahrscheinlichkeitsaussagen machen für das Auftreten einer bestimmten Strophe im Gesangsablauf.

Als Material stehen einem Amselhahn je nach Veranlagung, Lernangebot, Lernreiz und Alter 30 bis 300 „Elemente“ zur Verfügung. Ein Element entspricht in der Musik etwa einem Ton oder einem Klang. Es kann aber auch ein Laut mit steigender oder fallender Frequenz sein. Fünf bis 30 Elemente aneinandergereiht ergeben eine Strophe. Die Pausen zwischen den Elementen betragen durchschnittlich nur eine Zehntelsekunde, die Pausen zwischen Strophen dagegen eine halbe bis 3,5 Sekunden.

Gute Sänger besitzen ein Repertoire von mehr als 150 verschiedenen Strophenausführungen, von denen ein beträchtlicher Teil individuelles Eigentum ist, sich also von den Darbietungen des Nachbarhahnes unterscheiden, so daß ein Zuhörer mit geschultem Ohr einzelne Individuen am Gesang erkennen kann.

Weitaus die meisten Amseln variieren nun den Mittel- und End teil einer Strophe; sie singen, wie Todt es ausdrückt, „verzweigte Strophenklassen“, das heißt: Der Vogel beginnt eine Strophe mit einem, zwei oder drei Elementen, kann dann aber auf zweierlei verschiedene Weisen fortfahren. Oftmals ist die Strophe noch stärker aufzugabeln. Setzt die Amsel die Strophe auf die eine Weise fort, so stehen ihr nach einer Reihe von Elementen zwei verschiedene „Finale“ zur Wahl. In diesem Fall wären drei verschiedene Ausführungen möglich, die alle drei die gleiche „Ouvertüre“ haben. Solche Varianten faßte Todt zu „Strophen-Klassen“ zusammen.

Der ungestörte Vortrag eines Amselhahns kann aus 400 Strophen bestehen. Bei der statistischen Analyse bemerkte der Forscher nun bestimmte Gesetzmäßigkeiten. Singt eine Amsel zum Beispiel eine Strophe der Klasse A, so gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, daß die nächstfolgende Strophe bloß eine andere Ausführung der Klasse A ist. Fast ebenso hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß dieselbe Amsel nach sieben, acht oder mehr Zwischenstrophen, die anderen Klassen angehören, wieder eine Ausführung der Klasse A singt, also zu einer periodischen Wiederholung neigt.

Ein anderer determinierender Einfluß war allerdings nicht in allen Amselgesängen deutlich. Er besteht darin, daß sich die Aufeinanderfolge von Strophen verschiedener Klassen bedingt. Singt die Amsel eine Strophe der Klasse A, so folgt stets eine Strophe der Klasse G oder umgekehrt. Daneben gibt es auch eine einseitige Folgebeziehung: Klasse C folgt stets auf Klasse D.

Als „angewandte Musik“ mit der Funktion, das Revier zu behaupten, wird der Amselgesang auch von der Produktion des Reviernachbarn beeinflußt. Sitzt der Nachbar in der Nähe und singt just eine bestimmte Strophe, so korrespondiert die Amsel mit einem gleichen oder doch -ähnlichen Muster. An diesem Kontergesangs- oder Nachbareffekt liegt es, daß ein Amselhahn an verschiedenen Grenzbezirken seines Reviers bestimmte Strophen häufiger singt als andere.

Hört ein Amselhahn einen anderen singen, so kann er schon sieben Hundertstelsekunden nach Strophenbeginn mit einer eigenen Strophe einfallen. Diese Strophe aber steht nicht immer in einem korrespondierenden Zusammenhang mit dem gehörten Strophenanfang, sondern kann ein Motiv sein, das die Amsel ohnehin singen wollte, und mit dem sie auf Grund des auslösenden Reizes der Vorstrophe nur früher einsetzte. Erst bei der folgenden Strophe macht sich der Einfluß des Vorsängers geltend.

So gibt es innerhalb des Gesangsablaufes für die Strophe einer jeden Klasse einen gewissen „Erwartungswert“. Wenn die Amsel entscheidet, was sie als nächstes singt, wirken dabei äußere Faktoren wie das selbst zuvor Gesungene oder von anderen Gehörte mit wie auch innere Faktoren, etwa die Neigung zu bestimmten Periodenhäufigkeiten. „Bei jeder Entscheidung setzt sich“, wie Todt zusammenfaßt, „eine Strophe derjenigen Klasse durch, die von allen Einflüssen zusammengenommen am stärksten begünstigt wird.“ Alle bis jetzt bekannten Größen, die eine Strophe determinieren, beeinflussen nur die Wahl des ersten Elements einer Strophe. Unbekannt ist also noch, ob auch der weitere Verlauf der Ausführung gesteuert wird und wovon.

Obgleich Dietmar Todt die Amsel als eine Art „Gesangs-Computer“ studiert hat und keine musikästhetischen Beziehungen berücksichtigt, ist in dieser Hinsicht aber eine seiner Beobachtungen besonders interessant. Bei der mehrjährigen Untersuchung ergab sich nämlich, daß ein Amselhahn gelegentlich „abgedroschene“ Strophen ändert. „Neben Strophenneubildungen“, so schreibt Todt, „kommen vor allem Umgruppierungen von Strophenmittel- und Strophenendteilen vor. Im Zuge dieser Umgruppierungen ändern sich auch wechselseitige Folgebeziehungen.“ Einem solchen historischen Wandel unterliegt auch das Material der „Human-Musik“.

Gustav Adolf Henning