Keine Eiszeit in Sicht – Seite 1

Von Peter Roese

Die nächste Eiszeit beginne in 5000 Jahren, so prophezeien manche Erd- und Wetterwissenschaftler. Andere kalkulieren kurzfristiger – nur noch 250 Jahre gemäßigtes Klima gestehen sie Europa zu. Noch radikalere Meteorologen drohen schon für das Jahr 2000 mit ewigem Eis und Schnee.

So überschlugen sich die düsteren Prognosen in den schneereichen Wintern der letzten Zeit. Dazwischen mischten sich aber auch versöhnlichere Töne. "Das Klima Europas pendelt sich ein", vermerkte beschwichtigend die Frankfurter Allgemeine; und die Frankfurter Rundschau formulierte unumwunden: "Das Klima der Welt wird von Jahr zu Jahr milder." Darin wurde sie nur noch von der Bild-Zeitung übertroffen, die "Rivieraklima in Deutschland" verhieß; Ursache hierfür: die Russen.

Buntscheckig wie die Prognosen war denn auch das Spektrum der Ursachen, die für all solche dramatischen Klima-Umschwünge verantwortlich gemacht wurden: Vulkanausbrüche, Auto- und Industrie-Abgase, Wölkchen hinter Düsenflugzeugen in der Stratosphäre. Nur die Atomversuche scheinen endgültig aus dem Ursachenkatalog gestrichen zu sein.

Einig sind sich die Meteorologen in einem: Seit etwa 1940 sind die Winter wieder härter geworden – ein Computer hat es jüngst bestätigt. Der Wetterroboter verglich rund eine halbe Milliarde Temperaturmessungen aus den vergangenen Jahrzehnten und fand: die mittlere Jahrestemperatur von 1881 bis 1940 war um ein halbes Grad angestiegen, seitdem jedoch wieder um drei Zehntel Grad zurückgefallen. Derartige Klimaschwankungen aber, so fanden Meteorologen beim Studium des Wetters über die Jahrhunderte, sind durchaus normal. Sie lassen sich zehntausend Jahre lang – bis zum Ende der letzten Eiszeit – zurückverfolgen. Ebenso normal ist freilich auch, daß jenes Auf und Ab des Wetters keiner erkennbaren Regel folgt.

Das beste nach-eiszeitliche Klima erlebte die Welt um 5000 vor Christus. Damals war das Polarmeer höchstwahrscheinlich eisfrei. Danach verschlechterte sich das Wetter immer mehr und wurde in Nordeuropa bis etwa 400 nach Christus unangenehm kalt: Die Völkerwanderung von Norden nach Süden begann.

Bald schlug das Pendel zurück. Zwischen 1000 und 1200 konstatieren Wetterforscher geradezu paradiesisches Wetter bis in den hohen Norden Europas. Die Wiesen der größten arktischen Insel grünten, die Normannen ließen sich dort nieder und nannten ihre neue Heimat "Grünland" (Grönland). Im 14. Jahrhundert allerdings ging es wieder bergab. Die Eisgrenze in Grönland wanderte nach Süden, und die Normannen wurden von den südwärts wandernden Eskimos verdrängt.

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Die Schlechtwetterperiode hielt in Europa bis ins 19. Jahrhundert an (Meteorologen nennen sie die "Kleine Eiszeit"). Sie kündigte sich im Sommer 1342 mit einer Hochwasserkatastrophe an, bei der die Brücken in Regensburg, Dresden, Würzburg und Frankfurt zerstört wurden. Im Jahre 1573 berichteten die Chroniken über ein bis dahin unvorstellbares Ereignis: Der Bodensee fror zu. Im 17. Jahrhundert schließlich war es bereits im Oktober üblich, für längere Reisen in Deutschland Schlittengespanne zu benutzen.

Jene Zeit des schlechten Wetters wurde etwa ein halbes Jahrhundert lang unterbrochen – von 1880 bis 1940, als sich die Erde wieder erwärmte. In dieser Zeit, so mäkelte der englische Meteorologe Lamb, gewöhnten es sich die Menschen ab, Nahrungsvorräte für Zeiten winterlicher Isolation anzulegen. Zudem kam die kurze Unterwäsche in Mode. Derzeit freilich erleben wir die Rückkehr zu einem für die vergangenen Jahrhunderte normalen Klima. Tatsächlich: Das Klima hat sich eingependelt.

Wie lange die Schlechtwetterzeit nun anhalten wird, können Meteorologen freilich nicht voraussagen. Ebensowenig vermögen sie abzuschätzen, ob die Welt tatsächlich auf eine neue Eiszeit zusteuert. Der Vermutungen sind viele: So wollen Geologen verblüffende Ähnlichkeiten zwischen der gegenwärtigen Epoche und den vergangenen Zwischen-Eiszeiten festgestellt haben. Aus solchen Analogieschlüssen haben sie den Beginn der nächsten Eiszeit für die Epoche um das Jahr 7000 errechnet. Andere Forscher verlängerten den jetzigen Abkühlungstrend in die Zukunft: Wenn es so weitergeht, kalkulieren sie, trennen uns von der Eiszeit noch gut 250 Jahre.

Pessimisten sehen die Klimakatastrophe schon vor der Tür. Ursache ist die Zivilisation: Luftverschmutzung trübt die Atmosphäre und hält mithin die Sonnenstrahlung fern – die Erde kühlt aus. Ähnliche Effekte werden hoch fliegenden Düsenflugzeugen zugeschrieben: Hinter ihnen kondensiert die Luft zu kleinen Wölkchen. Bewölkung aber reflektiert die Sonnenstrahlung, so daß sie die Erdoberfläche nicht erwärmen kann. Lufttrübung habe schon immer das Klima verschlechtert, wie manche Meteorologen behaupten: Schlechtwetterperioden seien in der Vergangenheit die Folge großer Vulkanausbrüche gewesen, bei denen riesige Staubmassen in die Atmosphäre geschleudert wurden.

Eine ganz andere Ursache macht der britische Meteorologe Hubert Lamb für den Klimawandel der letzten Zeit verantwortlich: das Wetter. Weder Vulkane noch Luftverschmutzung seien für die Klimaentwicklung wesentlich; wichtig seien vielmehr die Luftströmungen. Mit Hilfe seiner Zirkulationsphysiognomie konnte Lamb den Klimaumschwung in Europa schon zu Beginn der sechziger Jahre diagnostizieren, lange bevor der US-Computer seine statistischen Berechnungen angestellt hatte.

Der Forscher verglich Zirkulationskarten, auf denen die Luftströmungen dargestellt sind. Jede Zirkulationskarte hat ihre charakteristische Gestalt, die sie leicht von anderen unterscheiden läßt – wie sich auch Gesichter auseinanderhalten lassen. Mit Hilfe solcher Zirkulationskarten wollte Lamb langfristige Wetterprognosen erschließen. Denn – so überlegte er – der Wetterablauf auf lange Sicht hängt von den allgemeinen Strömungsverhältnissen ab; deshalb suchte er aus vergangenen Jahren nach Zirkulationskarten, deren Physiognomie den gegenwärtigen Karten ähnlich ist, und sagt dann das Wetter voraus, wie – es in jenen zurückliegenden Jahren beobachtet wurde.

Zu Beginn des Winters 1962/63 (der ungewöhnlich streng werden sollte) machte Lamb den entscheidenden Versuch. Er suchte in den Archiven nach Zirkulationskarten, die den Verhältnissen zum Jahresende 1962 ähnlich waren. Das Ergebnis war verblüffend: In diesem Jahrhundert fand er keine Karte mit auch nur entfernter Ähnlichkeit; auch im vorigen Jahrhundert hatte sich nichts Vergleichbares abgespielt. Am besten war die Übereinstimmung mit der Karte von 1795: Ein einschneidender Wandel, so schloß Lamb, mußte sich mithin im Wettergeschehen vollzogen haben. Die meteorologischen Bedingungen der "Kleinen Eiszeit" waren zurückgekehrt.

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Als langfristige Voraussage für die britischen Inseln veröffentlichte Lamb damals nichts weiter als die Beschreibung des Wetters von 1795. Die Prognose traf für die Monate Januar und Februar überraschend genau zu. Das Tauwetter in einigen Teilen Englands begann (im März 1963) sogar an demselben Tage wie im Vergleichsjahr 1795.

Auch die anderen harten Winter in der letzten Zeit haben – wie Lamb aus Vergleichen der Zirkulationskarten schloß – in diesem Jahrhundert kein Gegenstück. Eben deshalb konnte der Forscher sein Verfahren letzten Endes doch nicht zur langfristigen Wettervorhersage nutzen: Die Informationen aus vergangenen Jahrhunderten sind zu ungenau, tägliche Wetterkarten gibt es erst seit 1873.

Einige Forscher freilich wollen, den Kältepropheten zum Trotz, Anzeichen einer Erwärmung der Erde erkennen. Der Stockholmer Professor Bert Bolin hat das Kohlendioxyd im Verdacht, das den Kohle- und Ölöfen der zivilisierten Menschheit seit Jahrzehnten in zunehmendem Maße entströmt: Die Sonnenstrahlen können die von Kohlendyoxyd angereicherte Luft ungehindert durchdringen; die Wärmerückstrahlung der Erde aber werde abgebremst.

Der US-Geologe Eugene Petersen rechnete diesen Trend in die Zukunft: Bis zum Jahre 2020 werde die mittlere Lufttemperatur infolge der wachsenden Verbrennung von Öl und Kohle um 5 Grad ansteigen. Als Folge befürchtet er allerdings eine neue Sintflut; denn die Eiskappen an den Polen schmelzen, und der Meeresspiegel steigt demzufolge an.

Es bedarf aber nicht der bösen Zivilisation, um das Wetterbild vollends zu verwirren. Amerikanische und britische Meeresforscher berichten jetzt, der Atlantik werde immer wärmer. Bisher sei die Temperatur schon um zwei Grad gestiegen. Dies könne "tiefgreifende Wirkungen auf unser Klima" nach sich ziehen, erklärten dazu englische Meteorologen.

Die Wissenschaftler erschließen die Ozeanerwärmung aus biologischen Beobachtungen. Plankton, das früher nur bis zur Höhe der Azoren und Spaniens leben konnte, findet sich jetzt viel weiter nördlich – bis zur Südspitze Grönlands. Eine Erklärung der Aufheizung können die Forscher nur vage andeuten. "Irgendein radikaler Wandel habe stattgefunden – oder dauert noch an", so vermuten sie.

Weitaus präziser sind Wetteränderungspläne der Sowjets, die kürzlich Schlagzeilen machten. Um die Steppen im Süden der Sowjetunion zu bewässern, sollen die Flüsse Petschora, Ob und Jennissej (die derzeit noch ins Nordmeer strömen) zum Kaspischen Meer und zum Aral-See umgeleitet werden. Die Frischwasserzufuhr in den nördlichen Ozean würde dann ausfallen. Jenes Frischwasser aber ist dafür verantwortlich, daß die Eismeergewässer verhältnismäßig leicht zufrieren. Ohne das Flußwasser müßte – so vermutet der Meteorologe Lamb – das Nordmeer über große Strecken auftauen. Das würde nordafrikanisches Klima nach Spanien, Italien und Griechenland bringen; und in den nördlichen Teilen Europas würde Mittelmeerklima einziehen.

Immerhin: Einig sind sich die Wetterforscher über solche Folgen beileibe nicht. Der Kieler Bioklimatologe Heinrich Pfleiderer etwa hält eine weltweite Klimaverschiebung auf Grund der geplanten sowjetischen Flußumleitungen für unwahrscheinlich.