München

Das Tribunal ward zur Szene, als im Münchner Amtsgericht ein Happening uraufgeführt wurde. Plakate hatten es angekündigt: „Freitag Prozeß, Programm: 12 Uhr Saal 126, Hauptverhandlung mit Amtsgerichtsrat Wöbking. Veranlasser: Ulrich Herzog (Filmemacher), HA Schult (Biokinetiker), Günter Saree (Intervall-Schaffender), Rechtsanwalt: Barbara Hamm. Situation Schackstraße. Das geht Sie an. Kommen Sie. Ins Amtsgericht München.“

Die Vorgeschichte: Am 15. Juni 1969 hatten, in aller Sonntagsmorgenfrühe die drei Situationsschaff er sich ans Werk gemacht. Motto: „Der heutige Künstler hat die Aufgabe, in alle Prozesse einzugreifen, er soll sich dagegen wehren, in einen Künstlerspielgarten abgeschoben zu werden.“ Um das bewußt zu machen, hatten sie die Schwabinger Schackstraße, (gleich hinter dem Siegestor) mit fünf Tonnen meterhoch gehäuften Altpapiers verändert, zugleich 160 Fußmatten (zwei Hochhäusern entnommen) mit Teer auf das Pflaster geklebt und mit einer selbstkonstruierten Straßendruckmaschine in weiß das Wort „jetzt“ endlos aufgedruckt. Es schimmert verwittert heute noch an manchen Stellen. „Wir gehen zum Kunstverbraucher, wir warten nicht auf ihn“, hatten die Schaffer verkündet.

Er ließ auch nicht auf sich warten; in Gestalt von Funkstreifen, Kirchgängern, Straßenfegern, Feuerwehrmännern, lächelnden und schimpfenden Anwohnern, photographierenden und filmenden Freunden erschien er alsbald. „Die Situation Schackstraße ist ein Auslöser“ hieß es auf eigenen Steckbriefen, die die Künstler selbst verteilten. „Sie wird ihre Fortsetzung finden im Verhalten eines jeden Passanten, im Verhalten der Behörden.“

Die Behörden verhielten sich und luden vor, der Auslöser löste vor allem Geld aus: die drei Situationisten bekamen die Rechnung für acht Feuerwehrleute, die Müllabfuhr, die Funkstreifen, sie betrug 1559 Mark und 10 Pfennig und wurde sofort bezahlt. In den Fußmatten-entleerten Häusern hatte Günter Sarre auf einem Zettel versichert, wer seine Matte wiederwolle, könne sie, in Teer signiert, zurückbekommen. Da jedoch kein Kunstmattenfreund erschien, brachte er sie, freilich umfunktioniert, selbst zurück. Hingegen hatten 29 Fußmatten-Eigner die Mühe nicht gescheut, Anzeige zu. erstatten, was sie, „wie die „Süddeutsche Zeitung“ errechnete, „immerhin zu insgesamt 57 Stunden Beschäftigung mit heutiger Kunst nötigte“.

Richter Wöbke zeigte Geduld und Humor. Er zweifelte am künstlerischen Wert der Aktion so wenig, daß er auf Sachverständige souverän verzichtete und arbeitete sich so gut ein, daß man ihn ebenfalls von „Papier-Situation“, „geräuschisolierender Zone“, „optischer Sperre“ reden hörte: „Hätten Sie mit Ihrem Jetzt-Apparat in die Zone der anderen eindringen können?“ fragte er den Straßendrucker Saree und setzte sich über den „Reliquienwert“ der beteerten Matten mit Ulrich Herzog auseinander.

Aber war es Kunst, was Zeugen schlicht Müll nannten? Der Richter erbat sich das Wochenende zum Nachdenken und verkündete am Montag das Urteil. Je 300 Mark Geldstrafe für Schult und Saree und 500 Mark für Mattenentwender Herzog. Er sah den Tatbestand der Nötigung als erwiesen an und meinte, Kunst dürfe nicht nötigen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sondern habe sich an die Ordnung zu halten.

Ursula von Kardorff