Die Geschichte des deutschen Liberalismus ist bis heute nicht geschrieben worden. Auch die „bürgerliche“ Geschichtswissenschaft hat sich seit 1945 weit intensiver mit der Geschichte der sozialistischen Arbeiterbewegung als mit der Geschichte des liberalen Bürgertums befaßt. Es gibt zwar interessante Aufsätze und auch einige gewichtige Monographien, aber abgesehen von der Problemskizze, die F. C. Sell 1953 unter dem Titel „Tragödie des deutschen Liberalismus“ veröffentlichte, ist kaum eine zusammenfassende Analyse und Darstellung versucht worden.

Die deutsche Geschichtswissenschaft hat das große Thema der bürgerlich-liberalen Bewegung des 19. Jahrhunderts nie recht in den Griff bekommen. Es gab keine selbstbewußte liberale Tradition – der fragmentarische Charakter der liberalen Bewegung in Deutschland, die Unterwerfung des deutschen Bürgertums unter die Herrschaftsansprüche des preußisch-deutschen Obrigkeitsstaates, die Kraftlosigkeit liberaler Parteien im Kaiserreich und in der Republik boten nur geringen Anreiz für eine Gesamtdarstellung aus liberalem Geiste. Einheits- und Freiheitsstreben traten in der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts auseinander, und also hat die Historiographie die Geschichte des deutschen Liberalismus einem unfruchtbaren Alternativdenken unterworfen: Doktrinarismus und Opportunismus, Rechtsstaat und Machtstaat, Ideal- und Realpolitik standen einander unversöhnlich gegenüber.

Allzuoft wurden auch die Probleme aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in die voraufgegangenen Jahrzehnte hineininterpretiert. Die Geschichte des deutschen Liberalismus erschien so als eine einzige „Tragödie“, eine Leidensgeschichte ohne Erfolg und gestaltende Kraft. Gewiß: die bürgerliche Revolution von 1848/49 ist gescheitert, aber dennoch hat sich schließlich die liberale Bewegung allen ministeriellen Reaktionen zum Trotz de facto durchgesetzt, auch unter dem Einfluß der Hochkonjunkturperiode 1849 bis 1873. Reformen in Wirtschaft, Verwaltung, Bildung und Verkehr schufen die Grundlagen einer bürgerlich-liberalen Gesellschaftsordnung, einer wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Emanzipation des Bürgertums – der dann freilich die politische Absicherung versagt blieb. Die 50er und 60er Jahre sind daher, neben „Vormärz“ und Revolution, für die Geschichte des deutschen Liberalismus grundlegend, und zwar gerade wegen der positiven Leistungen, wegen des erfolgreichen Abschlusses langjähriger Reformbestrebungen.

Zu den bedeutenden neueren Untersuchungen der liberalen Theorie gehört die 1963 veröffentlichte Studie von Lothar Gall über Benjamin Constant, den führenden Theoretiker des französischen Frühliberalismus, und den deutschen Vormärz. Eindringlich hat er die politische Ideenwelt des Liberalismus in ihren Leistungen und auch ihrer Begrenztheit dargestellt. Der Verfasser, inzwischen Ordinarius für neuere Geschichte an der Universität Gießen, hat nun einen weiteren wichtigen Beitrag vorgelegt: eine aus den Quellen gearbeitete Geschichte des „Liberalismus als regierende Partei“ in einem deutschen Mittelstaat:

Lothar Gall: „Der Liberalismus als regierende Partei. Das Großherzogtum Baden zwischen Restauration und Reichsgründung“; in: Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Bd. 47; Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1968; XIII und 524 Seiten, 56,– DM.

Das Großherzogtum Baden eignete sich besonders für eine exemplarisch gedachte Studie: Baden war das Kernland jenes süddeutschen Liberalismus, der die politischen Debatten im Vormärz wesentlich bestimmt hatte, es war eines der Zentren der 48er Revolution, es wurde seit der Mitte der 50er Jahre durch Friedrich I., einen der wenigen wirklich liberalen Fürsten in Deutschland, regiert, und es erhielt sich auch gegen Ende des Jahrhunderts noch immer den Ruf eines „liberalen Musterlandes“.

In einer ausführlichen, informativen, sehr anregenden Einführung behandelt Gall zunächst die Probleme des mittelstaatlichen Liberalismus in Süddeutschland vor der Revolution. Sein eigentliches Thema jedoch ist die „neue Ära“ in Baden seit 1860. Als die liberalen Kammerführer Lamey und Stabel die Regierungsgeschäfte übernahmen,. wurde zum erstenmal in einem deutschen Staat praktisch das parlamentarische System etabliert – der Liberalismus wurde zur „regierenden Partei“. Binnen weniger Jahre gelangen die seit langem geforderten großen liberalen Reformen: Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, eine liberale Justizreform, die für lange Zeit vorbildlich blieb, eine einschneidende Verwaltungsreform, die sich auf die Prinzipien von Selbstverwaltung und Dezentralisation gründete (und die energisch wahrgenommene Chance bot, einen neuen, möglichst einheitlich liberalen Beamtenkörper zu bilden!), und nicht zuletzt die Judenemanzipation, die selbst im liberalen Lager lange umstritten war.