In einem gigantischen Kraftakt will Japan in denkommenden 15 Jahren die gesamte EWG und die UdSSR überrunden. Mit welchenOpfern dieser Wachstumsfanatismus erkauft wird, schildert die zweite Folge unseres Vorabdrucks aus dem Buch des Schweden Hakan Hedberg.

Der Smog wird immer dichter, die Vögel verstummen, Baumaschinen zerwühlen wütend die 500 Städte Japans, und eine halbe Million Industrieunternehmen springen mit dem Land um, als wäre es ein Sandsack. Die Schlagfolge wird immer dichter und imponierender. Publikum und Teilnehmer bleiben dabei aber nicht ungeschoren.

Es wird eine teuflische Symphonie angestimmt, wenn die Wirtschaft eines Landes mit einer realen Wachstumsrate von 13 Prozent pro Jahr vorwärtsstürmt, dem Durchschnitt der Jahre 1966–69. Die Jubeltöne zeigen, wie schnell man der Armut entwachsen kann. Zugleich sind sie aber auch eine furchtbare Musik über den Wettlauf einer industriellen Schreckensgesellschaft in eine superreiche Zukunft.

„Bloody fantastic, what a market!“, keuchte eine britische Delegation nach der anderen während der Britischen Woche des Herbstes 1969. Nur wenige der Industrieabgeordneten – deren Heimatland sich mit einer jährlichen industriellen Zuwachsrate begnügen muß, die nur 20 Prozent der japanischen erreicht – oder der Mitglieder von Vortrupps für die Weltausstellung 1970 in Osaka nahmen sich die Zeit, darüber nachzudenken, warum sie zweimal am Tag die Hemden wechseln mußten. Sie taumelten halb betäubt aus dem Lärm der Tausende von Blechschmieden heraus, aber nur sehr wenige entdeckten die Tragödie: die satanischste Wachstumsmusik der Welt im kleinsten Orchestergraben dieser Erde.

Das wirkliche Dilemma Japans besteht darin, daß seine Fläche zu einem wirtschaftlichen Fliegengewichtler paßt, aber nicht zu einem industriellen Schwergewichtler, der in Rekordgeschwindigkeit zu einer Supermacht heranwächst.

Das Bruttosozialprodukt (BSP), die gesamte Produktion eines Landes in einem Jahr, ist ein Maßstab für „wirtschaftliche Aktivität“. Der totale Maßstab aber – „1969 betrug das japanische BSP 165 Milliarden Dollar“ – sagt dem Nichtjapaner kaum etwas, nicht einmal, wenn man hinzufügt, daß das japanische Sozialprodukt in festen Preisen zwei- bis viermal so schnell wächst wie das der Konkurrenten im Westen. Will man begreifen, was gegenwärtig in Japan vorgeht – und in den kommenden fünfzehn Jahren noch geschehen wird –, muß man die Gesamtzahl des BSP in eine „Pro-Quadratkilometer-Zahl“ umrechnen.

Erst wenn man erfährt, was auf jedem einzelnen Quadratkilometer geschieht, tauchen endlich die Umrisse der Wahrheit auf: Man bekommt die Erklärung dafür, warum Japan wie ein Land im Kriegszustand zu sein scheint, warum der Smog immer dichter wird und warum die Vögel aus den Städten fliehen.