Von Wolf Donner

Was sich vom 23. bis 26. März in Oberhausen abgespielt hat, ist eine Burleske über das Sandkastenspiel Demokratie. Was vom Gros der neuesten deutschen Kurzfilmproduktion zu melden ist: eine müde Variation der Einfälle von vorgestern, Schwachsinn und Provinzmief auf Stelzen, der totale Ausverkauf von Witz, Geist und Verstand. Man wird sagen, es sei trotz allem ein ansehnliches Programm zustande gekommen, doch das ist Augenwischerei. Die Rosinen in diesem Brei sind zu spärlich. Der Kurzfilm ist tot, es lebe das Palaver über seinen Leichnam.

Am 12. April treffen sich in Oberhausen mehr als 33 Länder zu den sechzehnten Westdeutschen Kurzfilmtagen. Die Auswahl des deutschen Beitrags für diesen internationalen Wettbewerb ist ein Prozeß, der es verdient, festgehalten zu Verden, insbesondere in der Relation zum Auswahlmodus der übrigen Länder: Deren Programm wird von einer Dreierkommission, einem Deutschen und zwei Vertretern des betreffenden Landes, zusammengestellt.

Zweihundertundzwanzig deutsche Filme mit einer Gesamtdauer von siebenundvierzig Stunden waren eingereicht worden. Vier Tage lang leistete eine vom gesamten Plenum des Vorjahres delegierte Vorauswahlkommission die erste Schnitzarbeit und einigte sich auf dreiundneunzig Filme (Gesamtdauer siebenundzwanzig Stunden), aus denen nun vier weitere Tage lang vor über fünfhundert Zuschauern einhundertundneun Filmmacher und Journalisten den endgültigen deutschen Beitrag (fünfzehn Filme, Dauer über sechs Stunden) destillierten.

Die erste siebenköpfige Auswahljury (1971 werden es fünfzehn sein) nahm jeden Film, der zwei Stimmen und mehr erhielt, in das Vorprogramm. Zusätzlich konnte jedes Jurymitglied drei Filme durch Einzelsetzung bestimmen – bezeichnend, daß trotz der extrem subjektiven Positionen dieser Kommission von Werner Nekes bis Erika Runge dadurch nur zehn weitere Filme eingebracht wurden.

Jede einzelne Stimmabgabe der Vorauswahljury ist einsehbar, ihre Sitzungen waren öffentlich; hinten saßen clevere Jungfilmer mit der Stoppuhr und notierten die Dauer der Diskussionen oder den Zeitpunkt des Abbruchs einer Vorführung.

Die Zusammensetzung der Jury (Werner Herzog, Ulrich Gregor, Peter W. Jansen, Werner Kließ, Michael Lentz, Werner Nekes, Erika Runge) und das Prinzip einer durch niemanden majorisierten, völlig individuellen Einzelentscheidung mußten, so sollte man annehmen, eine optimale Auswahl gewährleisten. Doch zwei von vier Filmen, die auf Einspruch ihrer Regisseure ohne eine Stimme der Jury vorgeführt wurden, standen weit über dem Durchschnitt des sonst Gebotenen. Umgekehrt zeigten sich bei der zweiten, der Massenauswahl, schon am ersten Tag Ermüdungserscheinungen, Ungeduld, Reizbarkeit, lichtete sich die Versammlung zusehends in den morgendlichen oder nächtlichen Vorführungen und gegen Ende der vier Tage.