Von Heidi Wunderlich

Von allen zehn Provinzen Portugals ist das Alentejo die größte, abwechslungsreichste, typischste. Diese Provinz beginnt etwa 50 Kilometer südlich von Lissabon, wird im Osten von Spanien, im Westen vom Atlantischen Ozean und im Süden von der Touristenprovinz Algarve begrenzt.

An einem Märzmorgen fuhr ich in südlicher Richtung aus Lissabon heraus, über die Salazar-Brücke, durch Setúbal. Schon bald liegen riesige Olivenhaine rechts und links der Straße, später auch Korkeichenwälder; gerade reifende Orangen setzen farbige Tupfen ins Landschaftsbild. Die Straßen sind hier nicht so gut wie im Norden, hin und wieder liegen sogar dicke Steine auf der Fahrbahn. Ich muß aussteigen und sie wegräumen.

Kurz vor Alcácer do Sal hören die Wälder auf – jetzt blinken Reisfelder in der Sonne. Arbeiterinnen, bis zu den Oberschenkeln im Wasser, alle in der gleichen Tracht: schwarzes Kopftuch, darüber ein schwarzer Hut, dazu schwarze, hochgewickelte Hosen, machen sich an den Pflänzchen zu schaffen. Ihr Anblick läßt mich frösteln.

Ich schaue auf meiner Karte nach: wenn ich noch eine gute Stunde weiterfahre und dabei in Richtung Meer abbiege, müßte ich eigentlich die große Lagune, die unmittelbar neben dem Meer liegt, erreichen: die Lagoa de St. Andre. Je mehr ich mich dem Meer nähere, um so prächtiger wird die Flora. Ginster, Dotterblumen, Löwenzahn, Mandelbäume. Die Straße ist schmal, wenn Gegenverkehr kommt, muß man ganz rechts bleiben und langsam fahren, sonst wird’s riskant. Es gibt hier viel weniger Ortschaften als im Norden. Zwar ist das Land fruchtbar, aber die hier ansässigen Großgrundbesitzer sind offenbar nicht sonderlich an der Nutzung ihres Bodens interessiert.

Der Wald lichtet sich – das Meer und die Lagoa kommen in Sichtweite. Ein mittleres, modernes Hotel ist hier die einzige Unterkunftsmöglichkeit. Aber es dürfte nicht schwerfallen, ein Zimmer zu bekommen, die Einheimischen haben fast alle eigene kleine Sommerhäuschen am Strand, und der Tourismus hat diese Gegend noch nicht entdeckt. Noch nicht.

Die Straße endet unmittelbar am Strand. Die Wellen brechen sich mit heftigem Getöse und spülen Muscheln und Algen an Land. Kein Mensch ist zu sehen. Die Strandhäuschen sind mit Brettern abgesichert, alle Läden geschlossen.

Ich laufe zurück zur Lagoa. Zwei Boote liegen friedlich an einem kleinen Steg. Da ich niemand um Erlaubnis fragen kann, nehme ich eines davon und paddle auf den See, dessen Ruhe in einem eigenartigen Gegensatz zum wildbewegten Meer steht. In der Mitte des Sees ist noch einmal eine kleine Insel. Ich sammle einige Äste und entzünde ein Feuerchen am Ufer. Zeit zum Mittagessen aus dem mitgeführten Picknickkorb. Es ist so friedlich und still; ich muß an Wochenendausflüge in Deutschland denken. Allmählich wird es mir zu kalt, und ich rudere zurück. Der März ist hier doch noch recht spürbar kühl. Auf der Rückfahrt nach Lissabon kehre ich in einem Café ein, trinke einen Kaffee und esse einige der für das Alentejo typischen Eigelbgebäckstückchen. In Santiago do Cacém mit seinen Windmühlen, seiner Kirche und seinem Schloß suche ich mir ein Zimmer. In der Pousada de Sao Tiago finde ich auch ein hübsches. Morgen will ich nach Sines fahren, einem Badeort, der dadurch berühmt wurde, daß ein gewisser Vasco da Gama dort geboren wurde.