Abkürzungen sind unschön. Verkehrsampeln auch. Das will heißen, daß diejenigen, die sich mit sprachlichem Feingefühl gegen die Abkürzungssucht wehren, ein wenig übersehen, wie sehr in einer Welt der Fernschreiben, der kürzelhaften Verständigung Abbreviaturen zwangsläufig geworden sind.

Eine Glosse in der FAZ (Verzeihung: in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“), die die Überschrift „Beärrdee“ trägt, spricht mit Schmerz und Abwehr von einer neuen Verkrüppelung, einer Sprachverkrüppelung wohlgemerkt, die sich nach Erfurt in unsere liebe Muttersprache einzuschleichen drohe. DDR-Funktionäre (sie werden in der FAZ neuerdings auch ohne Gänsefüßchen herbeibemüht) nämlich hätten sie in Umlauf gebracht, die „ein Ausbund an Häßlichkeit“ sei.

Nun heißt die Abkürzung BRD, und selbst der Schreiber der Glosse muß konzidieren, daß der DDR-Gebrauch dieses Kürzels, das für Bundesrepublik Deutschland steht, immerhin ein Fortschritt gegenüber der bisherigen Formel „westdeutsche Bundesrepublik“ sei. In der Tat, es ist eine zähneknirschende Objektivierung, die da in der DDR stattfand, und niemand sollte sich wundern, daß ein Staat, der so lange gegen seine „Phänomenalisierung“ zu kämpfen hatte, dabei sich ein möglichst gleichberechtigtes Wortgebilde ausdenkt. Drei Buchstaben hier, drei Buchstaben dort: das ist ein bißchen kindisch, gewiß.

Zwei Tricks der Glosse jedoch scheinen mir unerlaubt, zumindest nicht ganz fair. Einmal der Versuch, die Häßlichkeit der Abkürzung BRD dadurch zu unterstreichen, daß man sie konsequent in sächsischer Phonetik umschreibt, also in „Beärrdee“. Die sächsische Mundart (für Ästheten sei es gesagt) wurde immerhin von Lessing und Wagner und Nietzsche gesprochen. Und was eine Zeitlang dazu diente, deutsche Landschaftswitze auf die billigen Pointen vom weichen und harten B zu bringen, ist, seit der Existenz der DDR, weil Ulbricht und die meisten Volkspolizisten eben sächsisch sprechen, zu einem Mittel politischer Verächtlichmachung geworden. Im Kalten Krieg genügte es, jemanden sächsisch sprechen zu lassen, und er war erledigt, abgestempelt, mit einem Funktionärssiegel versehen.

Zum anderen: in der Glosse wird so getan, als bedeute eine Abkürzung, die sich zum Ungemach des Verfassers nun auch schon in Lexika und Fachzeitschriften breitmacht, auch einen Schwund an staatlichem Ansehen. Das ist so, als würde man argumentieren, VW sei weniger als Volkswagen, BASF weniger als Badische Anilin- und Soda-Fabriken, USA weniger als die Vereinigten Staaten.

So sehr Abkürzungen auch ein Fimmel von Bürokraten und Funktionären sind, so daß ihr Überfluß und ihre Überproduktion tatsächlich meist besonders bürokratisierte und totalisierte Staaten annonciert – diese aus der Beschäftigung mit dem „Wörterbuch des Unmenschen“ gewonnene Einsicht muß, glaube ich, in Zeitläuften, da Computer mit Kürzeln gefüttert werden und Städte und Länder sich postalisch in Zahlenkombinationen und Buchstabensignale auflösen, revidiert werden.

BRD oder Bundesrepublik Deutschland – der Unterschied macht keinen Kohl fett, und so mag es jeder damit halten, wie er will. Es ist schon komisch, wenn in der Glosse argumentiert wird, daß uns auch daraus noch ein Nachteil erwachse, daß DDR sich flüssiger über die Lippen bewege als BRD.

Das macht: der langjährige Sicherheitskordon der Anführungszeichen hat vielleicht die Lippen geläufiger gemacht? Und wer vor BRD erschrickt, der sollte sich von den Beatles mit ihrem „Back in the USSR“ verspotten lassen. Da wird mit dem Düsenlärm von „Up, Up and Away“ und dem Wiederholen der Buchstaben US so getan, als lande der Duft der großen weiten Welt jubelnd in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und siehe da, die Abkürzung führt geradewegs in die U(d)SSR. Hellmuth Karasek