Das ungerechte Wunder. Von Leo Brawand, in: Bracher, K. D. (hrsg.) Nach 25 Jahren. Eine Deutschland-Bilanz. Kindler Paperback 1970.

Leo Brawand hat in dem von Professor Bracher herausgegebenen Sammelband über das erste Vierteljahrhundert der zweiten deutschen Demokratie das Kapitel über die Wirtschaftspolitik dieser Zeitspanne bearbeitet. „Westdeutschlands wirtschaftlicher Wiederaufstieg seit 1945 war der Kraftakt einer geschlagenen Industrienation, ein Wunder war er keineswegs.“ Unter diesem Motto schildert Brawand den „Kraftakt“, als dessen wichtigste Faktoren er den „nahezu leidenschaftlichen Willen zum Aufbau aus den Trümmern sowie das industrielle und handwerkliche Wissen einer fleißigen Nation“ anerkennt; auch Ludwig Erhards „historische Leistung“, die Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung gewerblicher Güter am Tage der (nicht = „nach der“) alliierten Währungsreform, in den drei Westzonen findet, wenn auch mit sichtlichem inneren Widerstreben, seine Anerkennung: „Erhard spekulierte damals richtig.“

Von der folgenden Periode der Erhardschen Marktwirtschaft heißt es jedoch pauschal: „Obgleich ihre materielle Effizienz so groß war, daß sich – bis hin zu den Rentnern – der Lebensstandard aller Bürger über den Stand der Vorkriegszeit hob, konnte diese Marktwirtschaft das Adjektiv ‚sozial‘ zu keiner Zeit für sich in Anspruch nehmen. Dafür wogen die Gegengewichte zu leicht“. Gemeint ist damit die ungenügende Effizienz z. B. der Kartellgesetzgebung und der Politik der Vermögensbildung in Arbeiterhand, die dem Versuch dienen sollte, die Wirtschaftspolitik der christdemokratischen Regierung „zumindest optisch sozial etwas aufzuhellen“. Brawand räumt jedoch anschließend ein, daß das durchschnittliche Monatseinkommen der westdeutschen Arbeitnehmer innerhalb von zwanzig Jahren von 243 auf 908 Mark wuchs, das Bruttosozialprodukt von 98 auf 592 Millionen, die Anzahl der Arbeitsplätze von 13,9 auf 21,3 Millionen, die Zahl der Wohnungen von 8,5 auf 20,6 Millionen und der Pkw-Bestand von 0,2 auf 11,2 Millionen. Konnte diese Marktwirtschaft das Adjektiv „sozial“ wirklich nicht in Anspruch nehmen? Jedenfalls in Godesberg wurde sie „im Prinzip auch von der einstigen Arbeiterpartei akzeptiert; eine grundsätzliche Änderung der Wirtschaftsordnung stand nicht zur Debatte. Dafür hatte das System, für jedermann sichtbar, zu große materielle Erfolge gebracht.“

Was Brawand meint, wenn er von dem „ungerechten Wunder“ spricht, von der Umkehrung des Wortes „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ in sein Gegenteil und von einer „im Kern restiurativen Wirtschaftspolitik“, spiegelt sich in seiner massiven Kritik an den zugegeben mannigfaltigen Ungereimtheiten der Wirtschaftspolitik in den vergangenen 25 Jahren nur unzulänglich. Sein Blickwinkel ist insofern ganz unhistorisch, als er sein Urteil nicht aus den Möglichkeiten und Zielen ableitet, die der Wirtschaftspolitik in jedwedem Aktionszeitpunkt der vergangenen Periode zuhanden waren, sondern aus dem heutigen Stand an Forderungen und Ansprüchen, für deren Erfüllung nicht rechtzeitig vorgesorgt zu haben, er der Vergangenheit vorwirft: „Eine neoliberale Grundhaltung, die dem Wunsch der besiegten Deutschen entgegenkam, ihr Schicksal nunmehr individuell zu meistern, hinderte sie am Ende, wesentliche Gemeinschaftsaufgaben für das letzte Drittel des Jahrhunderts anzupacken.“

Das ist sicher richtig; aber wenn diese Grundhaltung doch „dem Wunsch der Deutschen entgegenkam“, war sie wenigstens nicht undemokratisch, im Kontext des Sammelbandes über die zweite deutsche Demokratie. also nicht grundsätzlich zu verwerfen. „Die im Dritten Reich jahrelang zwangsbewirtschafteten Deutschen“ hatten eben „ihr Herz für die materiellen Vorteile der Marktwirtschaft entdeckt und befanden sich auf dem Marsch in die Wohlstandsgesellschaft“.

Kann der Wirtschaftspolitik der sozialen Marktwirtschaft also ein Verstoß gegen das demokratische Prinzip vorgeworfen werden, so erkennt Brawand indirekt auch ihre ökonomische Zweckmäßigkeit an, wenn er das Interesse der östlichen Technokraten an dem marktwirtschaftlichen Modell in der Bundesrepublik auf die Erkenntnis zurückführt, daß „Orden und Ehrenzeichen für gute Arbeit jenen Ansporn nicht ersetzen können, den in Westdeutschland Firmenchefs und Arbeitnehmer durch die Aussicht auf einen Extralohn oder einen Sonderprofit empfinden“.

Das Wirtschaftssystem des Ansporns durch materiellen Erfolg ist offenbar so unbrauchbar nicht; freilich beschränkt es sich, und hier ist seinen Kritikern wie Galbraith und Brawand sicherlich recht zu geben, auf den privaten Sektor, so daß der öffentliche, der eines ähnlich wirkungsvollen Anspornsystems ermangelt, unversehens vernachlässigt bleibt. Hier liegen die wichtigsten Aufgaben der Zukunft; ob die Instrumente dafür in der planungsfreudigen Wirtschafts- und Finanzpolitik der neuen Regierung bereits hinreichend entwickelt worden sind, wird sich zeigen.

Was „Die Keynes-Probe auf das westdeutsche Exempel“ betrifft, das Stabilitätsgesetz, so muß man Brawand zustimmen, wenn er schreibt „Die große Bewährungsprobe indes steht erst noch bevor“. Günter Schmölders