Die Optimisten, die vor zehn Jahren, als der Kreiskolbenmotor von Felix Wankel zum erstenmal der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, dem Hubkolbenmotor à la Otto ein frühes Ende prophezeiten, haben nicht recht behalten. Bis jetzt fand die Revolution im Motorbau nicht statt. Serienmäßig werden in der ganzen Welt im Moment nur drei Autos mit einem Wankelmotor ausgerüstet: in Deutschland der NSU Ro 80, in Japan zwei Modelle des Toyo-Kogyo-Konzerns, der Mazda Familia Rotary SS und das Sportcoupe Mazda 110 S.

Die Großen im Autobau sind noch sehr zurückhaltend in der Beurteilung des Wankelmotors. Die amerikanischen Riesen, General Motors und Ford, gaben der neuen Entwicklung vor zehn Jahren überhaupt keine Chance. Sie bemühten sich nicht einmal um eine Lizenz beim Autozwerg NSU und sind somit von weiteren Entwicklungsfolgen der 18 Lizenznehmer (in 18 Ländern) ausgeschlossen.

Seit Beginn dieses Jahres gibt es nun auch in Frankreich ein „Wankel-Auto“. Bei Citroën werden in Handarbeit jeden Tag zwei Modelle vom Typ M 35 montiert. Die Käufer dieses Wagens mit der eigenwillig modifizierten Karosserie der Ami-8-Typen müssen sich verpflichten, mindestens 30 000 Kilometer im Jahr mit dem neuen Auto zurückzulegen. Zudem müssen sie zwei Jahre lang ihre Erfahrungen mit dem M 35 der Citroën-Entwicklungsabteilung melden.

Die Käufer eines M 35 werden diese Auflagen gern erfüllen, denn der Besitz dieses Fahrzeuges bietet einige Vorteile: Die Auflage des M 35 ist limitiert; insgesamt sollen nur 5000 Modelle ausgeliefert werden – eine Garantie dafür, daß er später immer Seltenheitswert behalten wird. Zudem wird für den Motor eine Zwei-Jahres-Garantie gewährt – ohne Kilometerbegrenzung.

Citroën erprobt im M 35 den NSU-Motor, der später in einem Wankel-Auto der „Comotor“, einer gemeinsamen Tochter der beiden Unternehmen, eingebaut werden soll.

Aber nicht nur aus Frankreich kommen Wankel-Neuigkeiten: Auch in Deutschland geht die Entwicklung an dem „revolutionären Motor“ weiter. Rechtzeitig vor der Eröffnung des Genfer Automobilsalons im vorigen Monat, zeigte die Daimler-Benz-Entwicklungsabteilung, daß sie dem Wankelmotor durchaus Chancen gibt. Die Stuttgarter, die auf der Automobilausstellung 1969 in Frankfurt das Versuchsfahrzeug C 111 mit einem drei-Scheiben-Wankelmotor vorstellten, bastelten weiter. Ergebnis ihrer Arbeit ist ein neuer C 111 mit einer neu gestalteten Kunststoffkarosserie und einem Vier-Scheiben-Wankelmotor. Sportwagen-Fans, die diesen zweisitzigen Mittelmotor-Renner gern kaufen würden, müssen sich weiterhin gedulden; auch der neue C 111 dient den schwäbischen Tüftlern als „Versuchslabor“. Der Wankelmotor-Erfinder jedoch darf neue Hoffnungen schöpfen, daß bald ein „Großer“ den Mut zum Serien-Wankelauto findet. Kai D. Eichstädt