Provokative Thesen über PS und Ersatzteile / Von Werner Stratenschulte

Das Buch heißt "Sex auf Rädern" (Rico Remberg: "Sex auf Rädern", PPS-Verlag, Stuttgart, 448 Seiten, 25 Mark). Es enthält als provokative Behauptung und zeugnishafte Anekdote, was der Klappentext andeutet. Da heißt es: "Das Auto fördert den Sex. Es erregt durch. Vibration, Geräusch und Styling. Es macht Schwache schwächer und Scharfe schärfer. Es verführt und schafft neue Gelegenheiten. Es verlagert das Bett auf die Straße. Dieses Buch – eine völlig neue und alarmierende Dokumentation – stützt sich ausschließlich auf Tatsachen."

Eine Dokumentation? Jedenfalls vermittelt das Buch die angedeuteten Thesen in Hülle und Fülle. Dabei steigt der Autor oft gar nicht erst in die anspruchsvolleren Höhen soziologischpsychologischer Betrachtungsweise. Bei ihm spielt sich der elementare Vorgang ganz simpel und mechanisch ab. Nach seiner Auffassung trägt die Massenmotorisierung zu einem ungeheuer gesteigerten Lustbedürfnis bei, weil die mechanischen Schwingungen und Vibrationen im Auto sexuelle Erregung hervorrufen. Er wundert sich darüber, daß Forscher und Wissenschaftler noch nicht zur Kenntnis. genommen, haben, welch grotesk unsymmetrischer Vibrationserreger – das in unseren Automobilen rotiert: die Kurbelwelle. Nach Rico Rembergs Hypothese wird dieses mechanische Stimulans nicht bewußt wahrgenommen. Vielmehr wird der Auto-Konsument so lange mit solchen Impulsen aufgeladen, bis "irgendwann das Faß überläuft" – ohne daß dann das Auto als Schuldiger entlarvt wird, als Übeltäter, auf dessen Konto noch andere im wörtlichen Sinne zu verstehende Anregungen zu buchen sind. Denn zu den rein mechanischen Impulsen zählen – nach den scharfen Beobachtungen des Autors – noch Schwingungen durch die heute wegen der wachsenden Spitzengeschwindigkeiten oft harte Federung. Im Gefolge dieser Entwicklung gibt es die härter abrollenden Gürtelreifen. Und da diese sich schwer auswuchten lassen, strickt hier die emsig wirkende Radunwucht ebenso an dieser Masche wie das Trommeln und Rasseln der Spikes-Reifen auf trockener Straße, das gleichfalls eine stimulierende Vibration hervorruft.

So liest man’s jedenfalls. Erst in zweiter Linie dann nehmen weniger meß- und hörbare Attribute in der Darstellung des Autors ihren – nicht unwichtigen – Rang ein: wie etwa Auspuffgeräusch, Styling oder der Geruch von Polsterleder. Der Verfasser begnügt sich nicht mit diesen seinen elementaren Thesen. Er untersucht und erläutert auch die Rolle des Autos als fahrendes Bett und populäres Betriebsmittel gewerblicher Liebe. Und er schildert die Rolle des hochverdichteten Rennmotors als potenzförderndes Triebwerk rund um Rennfahrer und Rennbahnen. Er hat nicht nur Menschen aller betroffenen Kategorien interviewt, sondern auch sehr viel Material aufgetrieben – bis hin zu Pressephotos, die von Automobilwerken nie offiziell verteilt wurden. Er zählt: Werksdirektoren und Wissenschaftler, Schriftsteller und Publizisten auf, die sich schon einmal mit bestimmten Aspekten dieses Generalthemas befaßt haben.

Wenn er zum Beispiel die offenbar gar nicht neue These aufgreift; daß die langgezogene Vorderhaube gewisser Sportwagen als ein phallisches Symbol zu verstehen sei, dann zitiert er nicht nur eine sehr eindeutige Passage aus dem Buch des englischen Zoologen Desmond Morris, "Der Menschen Zoo"; er fügt auch die wohl zu dieser Interpretation passende Lesart des Automobilproduzenten hinzu. Wie sagt man bei Ford in Köln: "Capri heißt nicht nur blauer Himmel, süßes Nichtstun und schmelzende Tenöre; sondern auch Brandung, Herausforderung und heißes Blut. Ford weist den Weg mit dem Capri!"

So kommt bei diesem Buch auch Psychologe ins Spiel, aber sie hält sich doch ziemlich im Hintergrund der Materialien, die der Autor für die primären Erreger von Sex auf Rädern hält: Kurbelwelle; straffe Federung. Immerhin läßt er der räumlichen, der körperlichen Nähe, die zwei Insassen eines Autos erleben, noch eine gewiss; Bedeutung zukommen. Insgesamt aber überwiegt die geradezu mechanistische Betrachtungsweise, mit der Literaturdetektive dem Autor Rico Remberg vielleicht schnell, auf die Spur kommen können. Denn dieser Name ist ein Pseudonym Dahinter verbirgt sich ein hervorragend informierter Publizist der PS-Branche.

Das Buch ist sehr flott geschrieben, oft feuilletonistisch geschliffen, aber auch allzu stark gemixt mit jenem Jargon, den flotte Werbetexter oder Kolportage-Reporter vorrätig haben. Mit diesem Stil hält der Autor sicher viele Leser bei der Stange, zugleich aber gräbt er seinem Anspruch, Verfasser einer Dokumentation zu sein, das Wasser ab. Allzuoft verläßt er die Position des Chronisten und wird zum schnoddrigen Plauderer. So wurde aus diesem Buch eher eine breite Sittengeschichte des Sexomobils mit vielen amüsant geschilderten Histörchen, die sich allerdings oft zu beklemmender Historie ausweiten, und mit glänzenden Reportageteilen.

Zu den Thesen aber, die aus der Feder des Autors so unbekümmert fließen, erwartet der zweifelnde Leser nun ein fundiertes Gegenstück, ein Buch aus der Feder eines Wissenschaftlers. Denn eine Sorge nährt Rico Remberg mit Erfolg: Autofahrer werden offenbar mit kühlem Kalkül manipuliert. Um des Busineß willen zielen Produzenten und Verkäufer mit unterschwelligen Tricks salvenweise unter die Gürtellinie von Herrn oder Frau Jedermann.