Von Ernst Weisenfeld

Paris, im April

In der Woche vor Ostern tauchte in Frankreich wieder einmal das Gespenst von der Revolution auf, und mit einigem Schaudern denkt man an den kommenden Mai, denn der Mai 1968 steckt noch in den Knochen. Militante Minderheiten, die sich mit Gewalt ihr Recht holen wollen oder mit spektakulären Aktionen auf ihre Probleme und Forderungen hinweisen, schaffen allerorten eine Atmosphäre der Unsicherheit, die Frankreich wieder in eine große Krise stürzen könnte.

Da ist einmal der systematische Versuch, eine Solidarisierung herbeizuführen, eine „Mixage“, wie es im Jargon der Konspirateure linksradikaler Studentengruppen heißt. Und das wird nicht zuletzt durch den Autoritätsverlust gefördert, den die Regierung erlitt, weil ihr die Gratwanderung zwischen liberalen Maßnahmen und polizeilichem Ordnungsdenken in letzter Zeit schlechter als sonst gelang. Dagegen fehlt heute ein Element der Solidarisierung, anders als im Mai vor zwei Jahren: Die sozialen Forderungen und das allgemeine Mißbehagen am Regime sind keineswegs mehr so groß.

Außerdem sind die Abwehrkräfte, die der Virus der Mai-Unruhen hinterließ, noch einigermaßen lebendig – vor allem in den Apparaten der traditionellen Linken, die das Gesetz des Handels diesmal in der Hand behalten wollen. „Frankreich ist nicht revolutionär, Frankreich ist in Unordnung geraten“, schrieb Claude Fuzier im Bulletin der Sozialistischen Partei. Und um ganz klar zu machen, was er meint, fügte er hinzu: „Die Arbeiter verstehen das revolutionäre Geschwätz der Linksler überhaupt nicht.“ Auch die Kommunisten würden das sicher unterschreiben.

An der Universität von Nanterre, wo mit dem Rücktritt des Dekans Paul Ricoeur eine der wohlmeinendsten Vermittlungsversuche gescheitert ist, haben nur die Osterferien den täglichen Kleinkrieg mit den revolutionären Gruppen beendet. Eine der hier besonders aktiven Organisationen, die „Proletarische Linke“, hat inzwischen systematisch Einsatzgruppen ausgebildet, die für ein Großfeuer in einem Pariser Mühlenbetrieb, für zwei Angriffe auf Polizeikommissariate, für das Ausräumen eines Arbeitsamtes und ähnliche Heldentaten in der Provinz verantwortlich sein sollen. Die extreme Rechte, die sich ihrerseits dadurch aufs neue legitimiert sieht, ließ unter anderem eines Abends die Aufführung einer Eva-Peron-Satire in einem Pariser Theater platzen. Die kommunistische „Humanité“ faßt das alles zum Phänomen des „Faschismus von rechts und von links“ zusammen.

Dann kam das Wochenende des Palmsonntags mit den riesigen Verkehrsstauungen, die einige hundert Fahrer großer Lastzüge an den Pariser Auffahrtsstraßen veranstalteten. Zwei Tage später entdeckten zehn- oder fünfzehntausend aufgebrachte Kleinhändler in dieser Taktik, systematisch den Verkehr zu stören, ein probates Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen. Dabei vergaß man fast die mehr oder weniger regulären Streikaktionen in der Flugsicherung oder im Postbetrieb, die tagelang den Luftverkehr oder die Postzustellung störten.