Als Willy Brandt im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald an den Gedenkstätten für den Sozialdemokraten Breitscheid und den Kommunisten Thälmann Blumensträuße niederlegte, hat merkwürdigerweise keine deutsche Zeitung – weder im Osten noch im Westen – an das „Buchenwalder Manifest“ erinnert, das erste Bekenntnis zur Einheit der deutschen Arbeiterklasse, entworfen vor fünfundzwanzig Jahren von dem Sozialdemokraten Hermann Brill. Und noch ein Versäumtes ist nachzutragen: In den Betrachtungen zum Erfurter Gespräch wurde oft die gescheiterte gesamtdeutsche Konferenz der Ministerpräsidenten 1947 in München erwähnt, aber niemand verschwendete auch nur eine Zeile an die erste, noch dazu erfolgreiche gesamtdeutsche Konferenz der Kultusminister im Februar 1948 in Stuttgart. Beide Ereignisse der Vergangenheit entrissen zu haben, ist das Verdienst eines alten Sozialdemokraten und ehemaligen Ostzonen-Ministers, dessen Memoiren, erst seit geraumer Zeit auf dem Markt, gerade in diesen Wochen und Monaten als Lektüre gar nicht dringend genug empfohlen werden können:

Ernst Thape: „Von Rot zu Schwarz-Rot-Gold. Lebensweg eines Sozialdemokraten“; Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH, Hannover 1969; 364 S., 22,– DM.

Der Lebensweg dieses Magdeburger Arbeitersohnes ist exemplarisch für die besten Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung, die bis heute noch nicht ihren gesicherten Platz in der westdeutschen Geschichtsschreibung gefunden hat. Zu Recht verwahrt sich Ernst Thape dagegen, daß bürgerliche Historiker wie Golo Mann heutzutage noch „mit intellektuellem Hochmut auf die ‚Arbeiter‘ Ebert, Scheidemann und Wels herabblicken, weil sie sich das Regieren zutrauten, was Bismarck noch nicht einmal dem hochgebildeten deutschen Bürgertum erlaubt hatte“.

Mit einer Mischung aus Stolz und Ironie berichtet er von seiner Kinderstube („Die Welt meiner Eltern wurde zu ihren Lebzeiten eben erst literaturfähig“) in einem Hause, das sich zwanzig Familien teilen mußten, denen im Hofe ganze drei Aborte zur Verfügung standen. Seine Mutter mußte in einer 32 Quadratmeter großen Wohnung fünf Kinder großziehen, „und jahrelang war sie waschen und putzen gegangen, weil der Lohn ihres fünfzehn Jahre älteren Mannes nicht ausreichte. Da waren immer nur, werktags und sonntags, Arbeit und Mühe gewesen, bis die Kinder erwachsen wurden“. Auf ihre alten Tage ist „Mutter Thape“ noch zu Ehren gekommen: Reichspräsident, Reichstagspräsident und Reichskanzler hatten es gern, wenn diese einfache Frau, die Schwiegermutter des bekannten „Vorwärts“-Redakteurs Franz Klühs, sie besuchen kam.

Der Volksschüler Ernst Thape erlernte das Handwerk des Maschinenschlossers. An Allgemeinbildung konnte es dieser Handwerksbursche, der bald auf Schusters Rappen, den „Faust“ im Rucksack, durch die deutschen Lande zog, mit manchem Gymnasiasten aufnehmen. Schon mit sechzehn Jahren ging er in verbotene politische Versammlungen. In den Zirkeln der Sozialistischen Arbeiterjugend lernte er das Kommunistische Manifest und Haeckels „Welträtsel“ kennen, aber auch Schiller und Goethe, die Gedichte von Heine und Freiligrath und Berta von Suttners „Die Waffen nieder“. Letzteres Werk, der tägliche Anschauungsunterricht auf dem Exerzierplatz der 66er am Magdeburger Krökentor und die regelmäßigen Berichte der Magdeburger „Volksstimme“ über Soldatenmißhandlungen verfehlten ihre Wirkung nicht: 1913 entzog sich Ernst Thape der Wehrpflicht durch Flucht ins Ausland.

Über Belgien verschlug es den Wehrdienstverweigerer nach Zürich, damals ein Paradies linker Emigranten, vor allem aus Rußland, Polen, Ungarn und Deutschland. Zürich war in den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges die vielleicht wichtigste Stadt Europas überhaupt. Wo sonst hätte man so viele Sozialisten, Künstler und Propheten an einem Orte antreffen können: Lenin und Trotzkij, die Dadaisten, den Anthroposophen Rudolf Steiner, den Schwundgeld-Theoretiker Silvio Gesell, den religiösen Sozialisten Leonhard Ragaz, die Maler Max Oppenheimer und Max Gubler, den Musiker Busoni, den Bühnendarsteller Alexander Moissi, den Dichter Leonhard Frank. Der bildungshungrige Flüchtling aus Deutschland hatte das Glück, in den Kreis des Zürcher Arztes und Patriziersohnes Fritz Brupbacher aufgenommen zu werden, der junge Arbeiter zu „Stecklingen im Garten der Revolution“ heranzüchten wollte.

Brupbacher und andere mit dem Sozialismus sympathisierende Schweizer Bürger finanzierten dem Jungarbeiter Thape das Studium der Nationalökonomie an der Universität Zürich und später die wesentlich teurere Ausbildung am Technikum in Winterthur. Bei alledem blieb der Flüchtling „arm wie eine Kirchenmaus“, und wenn er als Illegaler die Kriegsjahre heil überstand, so verdankte er das nicht zuletzt hilfreichen Frauen, die ihn auf Dachböden ver- – steckten.