Von Dietrich Strothmann

Sieben Monate schon ist Muammar al-Ghadafi in Libyen an der Macht. Vor dem 1. September 1969, dem Tag seines Staatsstreiches, kannten ihn nur seine Offiziersfreunde. Und auch nach dem Putsch, der nur wenige Stunden dauerte und fast ohne Blutvergießen verlief, wußten zunächst nur wenige, wer denn eigentlich den 80jährigen König Idris II. vom Thron gestürzt hatte. Anfangs gab es nur Gerüchte, dann wurden andere Militärs als Revolutionäre genannt; erst später wurde der Chef präsentiert: der 28jährige Hauptmann Ghadafi.

Heute ist in den Schaufenstern der Geschäfte von Tripolis und Bengasie sein Bild so oft zu sehen wie das seines "großen Bruders" Nasser: das Porträt eines herben, hageren Mannes, in dessen Gesicht sich schon tiefe Falten eingegraben haben. Ghadafi ist der jüngste erfolgreiche Umstürzler in einem der reichsten Erdölländer der Welt. Und er hat, in den sieben Monaten seiner Herrschaft, schon manches erreicht.

Nachdem er ein korruptes, auf Vetternwirtschaft gegründetes Regime eines kränkelnden, senilen Monarchen hinweggefegt hatte, begann Ghadafi erst einmal mit Verboten: kein Alkohol, kein Schweinefleisch, keine lateinischen Beschriftungen, kein englischer Sprachunterricht, keine Privatbanken, keine ausländischen Militärbasen, keine Parteien, keine Gewerkschaften. 600 Politiker, Offiziere, Verwaltungsbeamte und Geschäftsleute wurden in Haft genommen, eine Staatssicherheitspolizei wurde eingesetzt, die Überwachung der Ausländer angeordnet, ein neuer Staatsfeiertag (der 1. September) sowie eine neue Staatsfahne (die rot-weiß-schwarze Flagge Ägyptens) eingeführt und der "libysche Sozialismus" proklamiert. Die Folgen dieses strengen Regiments ließen nicht lange auf sich warten: Arbeitslosigkeit, Flucht der ausländischen Techniker und Regierungsberater, Rückgang des Handels. Und auch die "Konterrevolution" hat Ghadifi schon hinter sich gebracht. Sie wurde angeführt von seinem Verteidigungsminister Al-Hawaz. Er stellte ihn vor ein Militärtribunal und übernahm selber seinen Posten.

Heute ist der Mann, der vor knapp sieben Monaten nur ein namenloser Hauptmann im libyschen Heer war, Chef des Revolutionsrates, Oberkommandierender der Armee, Ministerpräsident und Ressortchef für Verteidigung. Muammar al-Ghadafi ist das Musterbild eines siegreichen Rebellen: rigoros, genügsam, strenggläubig, ohne Heldenpose, ohne Diktatorenpathos. Einer, der ihn kennenlernte beschrieb ihn als einen Mann, dem man sich bedingungslos anvertrauen könnte, ob es in eine Schlacht ginge oder auf eine Expedition quer durch die Wüste.

Ghadafi garantiert Verläßlichkeit und Tapferkeit. Er ist ein Puritaner vom Scheitel bis zur Sohle, aufgewachsen in einem Beduinenzelt, gedrillt in einer englischen Kaserne, geprägt vom islamischen Glauben, erfüllt von dem Sendungsbewußtsein des Panarabismus. Auf sein Panier hat er die Worte geschrieben: "Man muß sich darüber klarwerden, daß die arabische Einheit etwas Positives ist, nicht nur für die Araber selbst, sondern für die Welt als Ganzes. Wenn die Araber Stärke und Stabilität besäßen, würde das bedeuten, daß ein großer Teil der Welt sich in einem stabilen Zustand befindet."

Ghadafi schickt sich an, Libyens Nasser zu werden. Manches hat er, im ersten Sturmwind seiner Revolte, erreicht; viel bleibt noch zu tun. Mit Ägypten und dem Revolutionsregime im Süden strebt er eine Union an; den palästinensischen Freischärlern spendete er Millionen, von den Franzosen kaufte er Düsenjäger, von den Briten Panzer; um in den Händeln zwischen den El-Fatah-Guerillas und der Regierung im Libanon zu vermitteln, schickte er seinen Außenminister nach Beirut; um seine Kassen zu füllen, erhöhte er die Abgabequoten aus den Gewinnen der ausländischen Ölfirmen; um seinen nationalistischen Traum zu erfüllen, kündigte er erst einmal die Stationierungsverträge mit den Engländern und Amerikanern auf.