16. März 1970

Asiaten, also auch Japaner, seien unendlich geduldig. Das hatte ich gelesen. Gemerkt habe ich davon bisher noch wenig. Hektisch läuft das Leben auch in Japan. Da wird gehetzt und gerempelt und geschimpft wie in Castrop-Rauxel.

Auf der Expo gibt es einen „internationalen Basar“, wo die Engländer Whisky, die Franzosen Parfüm, die Russen Holzschnitzereien und die Deutschen Solinger Stahlwaren verkaufen. Außer bei den Solinger Stahlwaren ist das ein Gedränge und Geknuffe, und jeder will der erste sein, und keiner hat Zeit – wie samstags in Altona beim Fleischer.

Karl Heinz Stockhausen hat sich vorgenommen, die Japaner zu buddhistischer Kontemplation zu erziehen. Da kommen sie ahnungslos in den deutschen Expo-Pavillon. Ohne allzuviel Interesse bringen sie die aus dem Dunkel der unterirdischen Bunker aufleuchtenden Industrieprodukte hinter sich und strömen in die Auditoriumskuppel.

Dort dürfen sie sich auf japanische Weise am Boden lagern, und das finden sie zunächst ganz gut. Denn eine Weltausstellung beansprucht die Füße mehr als ein Langstreckenlauf. Aber dann werden auf einmal die Türen zugemacht, und es spricht der Meister selber (er kommt gut an beim Publikum), und eine der japanischen Hostessen des deutschen Pavillons versucht vergeblich, Stockhausen-Charme für das Publikum verständlich zu rekapitulieren. Das Licht geht aus. Und dann müssen alle, ob sie wollen oder nicht, fünfzehn Minuten Geräuschkompositionen über sich ergehen lassen.

Faszinierende Kompositionen übrigens. Wer so etwas verstehen will oder kann oder muß, bleibt gerne zwei Stunden, ergeht sich als Europäer in Meditationen, von denen all die Japaner, die nach einer Viertelstunde erlöst ins Freie streben, offenbar nichts wissen wollen.

Da fragt sich dann freilich auch der europäische Meditierer, ob es erlaubt ist, für Geräuschkompositionen eine sakrale Andacht zu fordern. Ich würde meinen: auf gar keinen Fall.