Von Heinz Josef Herbort

Auf die beiden Lautsprecher neben dem Altar wird man erst nach einiger Zeit aufmerksam, wenn nämlich plötzlich in das Säuseln und Brummein tiefer Orgelregister das Klingeln eines Weckers einbricht. Später sind aus den beiden Boxen der Lärm einer vielbefahrenen Straße, der Wetterbericht oder die Betriebskommandos auf dem Hamburger U-Bahnhof Barmbek zu hören, Porzellangeräusch und höchst weltliche Musiken, gegen die von der Empore der Organist weiter seine mit flacher Hand und Unterarm gespielten flüsternden und schreienden Tontrauben setzt, Klangflächen und flirrende Figuren, dröhnende Tongemische und spitze Tonketten: Mit Tonband, Lautsprechern und Pfeifenorgel beschreibt der deutsch-argentinische Komponist Mauricio Kagel den Tageslauf eines Organisten, genauer des Organisten Gerd Zacher. Musikalischer Interpret dieses Porträts: der Porträtierte selber.

Kagels „Phantasie mit obbligati“ ist eine von rund fünfzig Kompositionen, die Gerd Zacher seit 1952 ur- oder erstaufführte. Dieses nicht nur quantitativ, sondern vor allem auch qualitativ aufsehenerregende, in unserem derzeitigen Kultur- und Kirchenleben außergewöhnliche Pensum, das Zacher da in der kleinen, fast etwas verträumt-heimelig wirkenden Backsteinkirche des Hamburger Villenvororts Wellingsbüttel absolviert, bewog den französischen Starkritiker Claude Rostand zu dem Vergleich: „Wie man sich früher nach Lübeck begab, Buxtehude die letzten Neuheiten der Orgeltechnik darbieten zu hören, so kommt man heute aus ganz Europa, Gerd Zacher zu hören.“

Unter die „letzten Neuheiten“ der sechziger Jahre, wie Zacher sie in seinen jährlich zehn bis zwölf Konzerten, aber auch in den sonntäglichen Gottesdiensten vorführt, zählen nicht nur die sirrenden oder dumpf dröhnenden Klangflächen-Clusters und die skurrilen Tonkapriolen in beißend scharfen Registrierungen, wie sie auch auf dem Klavier und, seit Penderecki und Ligeti, ebenfalls im Orchester gang und gäbe sind.

Ligetis „Volumina“ verlangt auch das allmähliche Einschwingen der Pfeifen: Das Orgelgebläse wird erst in Tätigkeit gesetzt, wenn die Tasten bereits niedergedrückt sind – langsam heulen die Töne auf.

Mauricio Kagel in der „Improvisation ajoutee“ oder Juan Allende-Blin in den „Sons brisés“ schreiben vor, noch während des Spiels den Motor abzuschalten, wodurch zunächst die Tonhöhe langsam absinkt, die Pfeifen dann nur noch quietschende Obertöne von sich geben und schließlich – von den tiefen zu den hohen Tönen hin – nach und nach ganz verstummen. Kagel: „Es klingt, als wenn die Orgel ihre Seele aushaucht.“

Als Ligeti sich für seine „Etüde No. 1 (Harmonies)“ „fahle, überirdische, seltsam verfremdete Klangfarben“ wünscht, kommt Zacher auf die Idee, das Orgelgebläse gegen einen in der Leistung reduzierten Staubsauger auszutauschen. Für ein Stück des Schweden Hambraeus findet Zacher eine Möglichkeit, die Pfeifen nur halb ansprechen zu lassen, indem er die Registerverschlüsse, die sogenannten Schleifen, nur halb öffnet. Für eine Realisation von John Cages „Variations I“ schließlich entwickelt Zacher eine neue Technik, die Tasten sehr langsam herunterzudrücken, so daß die Pfeifen nur ganz allmählich ansprechen und der volle Ton nach und nach aus einem Winseln über gequälte, falsch gestimmte Pseudotöne aufgebaut wird.