Düsseldorf

Ein evangelischer Pfarrer in Düsseldorf stellte die Moral eines einzelnen über das Wohl von über hundert unmündigen und behinderten Kindern: Pastor Ernst Schmittart hat es in einem Konflikt mit dem Erzieher Helmut Wasserscheidt erreicht, daß nur noch die Schließung des Oberlin-Heimes für Kinder aus zerrütteten Ehen und unerträglichen Wohnverhältnissen als Lösung bleibt.

Seelsorger Schmittart hatte im Oktober letzten Jahres erfahren, daß Wasserscheidt sich von seiner Frau scheiden lassen wolle, aber auch schon mit seiner Freundin zusammenlebe – und fortan nahm das Schicksal seinen Lauf. Der 65jährige Pastor schrieb einen Brief an den Vorstand des Evangelischen Gemeindedienstes (EGD) in Düsseldorf, dem alle Kirchengemeinden, private Mitglieder sowie kirchliche Verbände angehören und der Träger des staatlich geförderten Heims ist, Erzieher Wasserscheidt sei auf Grund seines Privatlebens zu kündigen. Der EGD, dessen Vorstand Schmittart angehört und dessen Vorsitz der frühere NRW-Justizminister und Landtagspräsident Otto Flehinghaus innehatte, teilte die Meinung des frommen Kirchenmannes über den 32jährigen Pädagogen. Wasserscheidts Verhalten schien dem EGD unvereinbar mit dem „besonderen Auftrag im Dienst der Kirche“. Er erhielt die Kündigung zum 31. Dezember 1969.

Die Entscheidung der Kirchenfürsorger erschien den Kollegen Wasserscheidts im Oberlin-Haus, in dem mit Billigung der Kirche recht fortschrittliche Erziehungsmethoden bis zum letzten Jahr praktiziert worden waren, recht weltfremd. Sowohl der Leiter des Heims, sein Stellvertreter sowie einige Studenten der Höheren Fachschule für Sozialarbeit in Düsseldorf, die als Praktikanten im Heim tätig waren, drückten ihr Befremden über den Entschluß des EGD-Vorstandes aus und lobten die erzieherischen Leistungen Wasserscheidts. Schließlich, so argumentierten sie auch, seien auch geschiedene Pfarrer im Kirchendienst tätig. Doch Pfarrer Schmittart rührte diese Reaktion nicht. Im Gegenteil: Er vermutete vielmehr linken Radikalismus hinter der ganzen Aktion, um das Oberlin-Haus zu einem pädagogischen Experimentierfeld zu machen.

Um weiteres Aufsehen im Falle des Oberlin-Hauses zu vermeiden, sollte Wasserscheidt – unter Zusicherung eines guten Zeugnisses – stillschweigend aus dem Kirchendienst scheiden. Doch der Pädagoge ließ sich auf den Kompromiß nicht ein und klagte gegen den EGD. Das Düsseldorfer Arbeitsgericht wies jedoch im Januar Wasserscheidts Klage ab. Damit war der Fall aber keineswegs abgeschlossen: zwölf Erzieher wollten unter diesen Umständen auch nicht mehr weiter im Dienst der evangelischen Kirche stehen und kündigten.

Doch nicht nur bei den Erziehern zeitigen sich die Folgen des Moralstreits. Als angesichts des bevorstehenden Pädagogen-Exodus sich im Heim die Kunde verbreitete, daß die Kinder in andere Heime verlegt werden müßten, zeigten sich plötzlich wieder längst überwundene Symptome: Bettnässen, schlechter Appetit, miserable Leistungen in der Schule waren die geringsten Erscheinungen, ein Selbstmord sowie die Flucht einiger Kinder die eklatantesten. Die Situation im Oberlin-Haus war völlig verfahren.

Angesichts dieser Lage entschloß sich der EGD zu einer Radikalkur: Er bildete ein neues Heim-Kuratorium, das die Schatten der vergangenen Querelen bannen soll. Neuer Vorsitzender dieses Gremiums: der christlich-demokratische Landtagsabgeordnete Otto Flehinghaus. Zwar hatte man angesichts der Welle der Empörung, die auch durch eine Demonstration der jugendlichen Heiminsassen in den Straßen der Düsseldorfer Innenstadt entstanden war, lauthals von kirchlicher Seite nach dem städtischen Jugendamt gerufen. Doch die Vorschläge der Oberlin-Erzieher, auch einen Vertreter des Stadtjugendamtes, des Jugendausschusses sowie der Höheren Fachschule für Sozialarbeit in das neue Heim-Kuratorium zu berufen, wurden abgelehnt. Pastor Schmittart ist der Meinung, solche Vertreter würden die Trägerschaft verändern und kein „echtes Gegenüber“ mehr zu der Heimaufsicht darstellen.