Sylvano Busotti: „Il nudo“ / Phrase à trois“ / „Ancora odono i colli“ / „Rara“; Società Cameristica Italiana, Chor der Schola Cantorum Stuttgart, Leitung: Clytus Gottwald, Horst Hornung (Cello); Wergo 60 048, 25,– DM

Immer wieder versucht jemand das „Gesamtkunstwerk“. Neben der großen Multi-Media-Bewegung unserer Tage spielt der Italiener Sylvano Bussotti nur eine kleinere Rolle: Er intendiert das Gesamtkunstwerk seines Schaffens. Ein Beispiel: „Rara“. Fünf solistische Parte – der Cello-Anteil ist auf dieser Platte enthalten – werden einzeln und (als sechste Version) zusammen gespielt, sie sind voneinander einzeln, als sukzessive aufzuführende, aber auch als differenzierte Bestandteile einer Gesamtversion abhängig, können für sich als Elemente bestehen oder auch im Verbund gesehen und gehört werden.

Bussotti, 1931 in Florenz geboren, Schüler von Deutsch, Dallapiccola und Lupi, betreibt sein Gesamtkunstwerk aber auch noch in einer anderen Form. In seiner „Passion selon Sade“ ist er Librettist, Komponist, Regisseur, Kostümbildner und – Hauptdarsteller in einer Person. Seine etwas manische Extravertiertheit steht äußerlich in merkwürdigem Gegensatz zum kammermusikalisch-intimen und sehr introvertierten Charakter seiner Musik, die Gestik jedoch dieser Musik, ihrer Mikrostrukturen, ist alles andere als nach innen gekehrt: schroffe Gegensätze von Techniken und Emotionen, statisch Klingendes korrespondiert mit exaltierter Sprache, wilde Emotionen werden begleitet von surreal-fahlen Klangflächen.

Die Homogenität des Heterogenen also; sie verlangt mehr als nur den technisch versierten Interpreten. Erstaunlich, wie Werner Goldschmidt immer wieder neue Spezialisten für seine Platten auftreibt – etwa hier den Cellisten Horst Hornung. Wer diese Platte – ein Gesamtkunstwerk im oben beschriebenen Sinne – kauft, sollte sich vornehmen, jedes Stück zunächst einige Male hintereinander zu hören, ehe er zum nächsten übergeht; erst dann wird die Gesamtversion einsichtig und verständlich.

Heinz Josef Herbort