Von Claus Grossner

Ein Philosoph, der seine Theorien unpolitisch nennt, kann ein geschickter Politiker sein – wie Hans-Georg Gadamer, eines der einflußreichsten philosophischen Schulhäupter in der Bundesrepublik.

Sogar mit den Russen konnte der konservative Heidegger-Schüler, der gerade seinen 70. Geburtstag als Emeritus in Heidelberg gefeiert hat, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auskommen. Für das Amtsjahr 1946/47 war Gadamer, der keiner nationalsozialistischen Organisation angehört hatte, mit Billigung der russischen Besatzung vom Großen Senat zum ersten Nachkriegsrektor der Leipziger Universität gewählt worden. „Es gab Konflikte mit örtlichen Kommunisten, die Nichtprofessoren als Professoren haben wollten. Aber ich bin kein Dummkopf in politischen Dingen. Da steht vieles bei Machiavelli, wie: Der Feind meines Feindes ist mein möglicher Freund.“

So ließen sich Gesundheitsministerium und Kultusministerium, die beide für die medizinische Fakultät verantwortlich waren, ebenso gegeneinander ausspielen wie die Länder gegen die Zentralverwaltung. „Damit entstand ein Freiheitsraum. Damals lernte ich: Freiheit ist nur in Gleichgewichtslagen möglich.“ Die Verwandtschaft zur struktural-funktionalen Theorie von Talcott Parsons mit ihrer Stabilisierung bestehender Gesellschaftsstrukturen verneint Gadamer nicht.

Der Vorgänger Ernst Blochs auf dem philosophischen Lehrstuhl in Leipzig ist ein Theoretiker des Konservativismus, dem es in kritischen Situationen nicht an Mut gebricht. Als die Russen 1947 einen Volksentscheid über die Enteignung der Feudalisten ansetzen wollten, fragten sie den Leipziger Rektor um Rat. „Unechte Volksentscheide haben wir lange genug gehabt“, lautete die Antwort. Daraufhin kam am Pfingstsonnabend eine Gruppe von wohl dreißig Offizieren und fragte, ob der Rektor zu sprechen sei. Gadamer bekam es mit der Angst zu tun, jedoch ohne Grund: Der Kommandant ließ zwanzig Flaschen Wein und zehn Säcke Mehl bringen, dankbar für die Aufrichtigkeit.

„Die kommunistische Partei wollte damals die baldige Vereinigung der beiden Deutschland. Das Zentralkomitee war für die Aufrechterhaltung der theologischen Fakultäten wegen der Wiedervereinigung“, erinnert sich Gadamer heute, zur Zeit des Erfurter Treffens.

Ein „Racheakt örtlicher Kommunisten“ brachte ihn drei Tage in Haft – als sich der scheidende Rektor schon entschlossen hatte, auf die Initiative seines damaligen Frankfurter Kollegen Walter Hallstein hin an den Main zu ziehen, wo seine alten Leipziger Freunde Vossler und Reinhardt lehrten.