Von Franz Schüler

Popmusik auf dem schwarzen Markt? Die Idee klingt ein wenig abstrus. Denn das Geschäft mit Folk-, Pop- und Rockmusik wird heute zwar mit Vorliebe in psychedelisch-bunten Läden abgewickelt, aber die Firmen machen aus den von ihnen erzielten Umsätzen kein Hehl: 1969 erreichte die Schallplattenindustrie in den Vereinigten Staaten den Rekordumsatz von über zwei Milliarden Dollar.

Von den zwanzig Langspielplatten (LPs), die Ende Februar die Hitliste der Zeitschrift Billboard anführten, waren sechzehn Rock-LPs, und auch die übrigen vier sind zur „populären“ Musik zu zählen. Man bemüht sich verständlicherweise nach besten Kräften, alle potentiellen Plattenkäufer vom zehnjährigen Volksschüler in Milwaukee (dem Zentrum der sogenannten bubblegum music à la „Sugar Sugar“) bis zum Greenwich-Village-Snob anzusprechen.

Trotzdem entdeckten findige Köpfe eine Marktlücke, die sie mit Gewinn zu stopfen wußten. Die bekanntesten und bestverdienenden Rock-Bands stehen nämlich fast ausnahmslos bei den führenden Plattenkonzernen unter Exklusivvertrag, und diese warten mit Neuveröffentlichungen so lange, bis der maximale Umsatz gesichert, der Rahm abgeschöpft ist. Eine der ganz seltenen Ausnahmen ist die Firma Fantasy Records, die seit Beginn der fünfziger Jahre Avantgarde-Jazz und neue amerikanische Lyrik (Ferlinghetti, Ginsberg und so weiter) preßte und seit Ende 1968 nicht weniger als vier LPs der überaus populären kalifornischen Rock-Gruppe Creedence Clearwater Revival herausbrachte. Das Beispiel für die Regel ist Bob Dylan, von dem innerhalb von acht Jahren nur neun LPs auf den Markt gebracht wurden, obwohl er fast doppelt soviel Songmaterial geschrieben und im Studio eingespielt hatte; obwohl seine Firma (CBS) auch diese hätte veröffentlichen können.

Diesem Mißstand versuchen seit Mitte 1969 „bootlegger“ (ursprünglich die Bezeichnung für Alkoholschmuggler während der Prohibitionsära) abzuhelfen, indem sie nichtveröffentlichte Songs verschiedener Pop-Idole in die Plattenläden „schmuggeln“, wo sie, teils unter dem Ladentisch, teils auch ganz offen im Sortiment, angeboten werden.

Zunächst erschien in und um San Francisco ein Bob-Dylan-Doppelalbum mit dem Titel „The Great White Wonder“ (Das große weiße Wunder), das reißenden Absarz fand; denn wie und wo man es bekommen konnte, verbreitete sich sehr rasch. Zwei weitere Dylan-LPs mit den ein wenig mokanten Titeln „The Troubled Troubadour“ und „Stealin“ waren nicht weniger begehrt. Denn obwohl sich die Songs zum Teil mit denen des Doppelalbums überschnitten, hatten die bootlegger aus unergründlichen Quellen neue unveröffentlichte Aufnahmen von Bob Dylan besorgen können.

Die Rechnung der geschäftstüchtigen Schwarzmarkthändler ging auf. Die Herstellungskosten beliefen sich auf 30 bis maximal 80 Cents pro Langspielplatte, die Käufer aber zahlten an einzelnen Orten Liebhaberpreise bis zu 15 Dollar, Erst als sich im ganzen Land ein Ring von Händlern etablierte, innerhalb dessen gleich wieder nach streng kapitalistischem Vorbild so etwas wie Drucklizenzen vergeben und exklusive Vertriebsrechte abgesprochen wurden, drückte Konkurrenz die Preise. Man war bei dem ganzen Geschäft von durchaus folgerichtigen Überlegungen ausgegangen.