Noch steuern die deutschen Gewerkschaften unbeirrt ihren Reformkurs; aber wird das immer so bleiben?

Wo stehen die deutschen Gewerkschaften und was führen sie im Schilde? Die Frage hat permanente Brisanz; der aktuelle Anlaß, sie jetzt wieder einmal zu stellen, ist eine Veranstaltung, die vor einigen Tagen in der DGB-Bundesschule Bad Kreuznach stattfand.

Thema der Tagung: „Gewerkschaftstheorie heute.“ Teilnehmer: etwa ein halbes. Hundert Gewerkschaftsfunktionäre und Gewerkschaftsmitglieder der verschiedensten Chargen und Provenienzen; dazu einige Wissenschaftler und Journalisten. Ihr Sinn: Die DGB-Zentrale in Düsseldorf hält es für tunlich, die im Frühjahr vergangenen Jahres anläßlich des letzten DGB-Kongresses so heftig begonnene und dann abgebrochene Debatte über die Gewerkschaftsreform allmählich wieder in Gang zu bringen; und das mehr von der grundsätzlichen Seite.

Es wird sich zeigen, ob sich diese Erwartung erfüllt. Auch wenn das nicht der Fall sein sollte – jeder Versuch einer gewerkschaftlichen Standortbestimmung kann mit erheblichem Interesse in der Öffentlichkeit rechnen, ganz abgesehen davon, daß es auch den in das Korsett ihrer Terminkalender eingezwängten Managern des täglichen Gewerkschaftgeschäftes offensichtlich gut tut, einmal zu einer Art kollektiver Selbstbesinnung zu gelangen.

Diese Selbstbesinnung ist nicht leicht und auch nicht ganz frei von gewissen Verständigungsschwierigkeiten untereinander, wie die Tage in Bad Kreuznach gezeigt haben. Im großen und ganzen aber und über den Daumen gepeilt ist man sich wohl ziemlich einig über die allgemeine Richtung, in der die Reise gehen soll.

DGB-Chef Heinz O. Vetter skizzierte Position und Ziele der deutschen Gewerkschaften etwa so:

Die politisch radikalen Gewerkschaften Frankreichs, Belgiens und Italiens stehen auf dem Boden des Klassenkampfes. Die von ihnen angestrebte Gesellschaftsordnung ist für sie nur „jenseits des Kapitalismus“ denkbar. Deshalb lehnen sie auch jede Form der Mitbestimmung ab. Durch bewußt herbeigeführte militante Auseinandersetzungen mit ihren Gegnern, den Arbeitgebern und dem Staat sollen die gegebenen wirtschaftlichen und sozialen Strukturen erschüttert und die weitgesteckten Ziele erreicht werden.